Ansichten eines Clowns
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Hans Peter Schaefer, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.
Der Heiligabend 1959 bildete den Auftakt einer antisemitischen Schmierwelle. Vor allem junge Täter*innen begingen innerhalb eines Monats über 600 sich gleichende antisemitische Propagandadelikte. Diese Welle eines öffentlich ausgelebten Antisemitismus führte zu einer wichtigen gesellschaftlichen Debatte innerhalb der Bonner Republik.
Cover der Publikation: Anna, Susanne (Hrsg.): Architektenstreit. Wiederaufbau zwischen Kontinuität und Neubeginn (anlässlich der Ausstellung Architektenstreit – Wiederaufbau Zwischen Kontinuität und Neubeginn, Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf in Kooperation mit dem BDA Düsseldorf, 7. Juni bis 31. August 2008), Düsseldorf 2009.
Am 27. Oktober 1949 bilden zehn Architekten den „Düsseldorfer Architektenring“, um in den 1950er Jahren als engagierte Einheit gegen die gespenstige Fortdauer des im Nationalsozialismus Meriten einheimsenden Personals der Stadt Düsseldorf zu protestieren und diesen Bannerträgern der Kontinuität eine zu demokratischen Denkmodellen und Gesellschaftsstrukturen kongeniale Baukultur entgegenzusetzen.
Foto: afas.
Das Archiv für alternatives Schrifttum (afas) wurde 1985 in Duisburg gegründet, um Spuren der Bewegungsgeschichte vor dem Vergessen und dem Verlust zu bewahren. Das afas und die Erinnerung an Demokratisierungsprozesse von unten gehören zu den bedrohten Orten.
Grafik: Aus dem Archiv von Meray Ülgen.
"Wie der gebildete Hacivat, der Freund von [sic!] ungeschliffenen Karagöz, sich ausdrückt: ‚Gott, ich wünsche mir Unterhaltung, bitte!‘
Warum soll mann [sic!] denn immer und ewig von Integration, Rückkehrprämien, Arbeitslosigkeit, Asyl, Umzug oder Rente sprechen? Man braucht auch etwas Unterhaltung, oder nicht?"1
BAP: Jupp, Text und Musik: K. Heuser, W. Niedecken. Ein Song des Albums: Für usszeschnigge! (Zum Ausschneiden!), 1981, EMI Electrola. Beide Textvarianten sind gemäß den handschriftlichen Fassungen auf der Textbeilage zum Plattencover zitiert.
Leitfadenartig durchzieht die „Bonner Republik“ ein Vergessen, das von den Staatstragenden als Instrument genutzt wird, um ihren Zugriff auf Macht und Erfolg auch unter demokratischen Vorzeichen aufrechtzuerhalten. BAPs Song „Jupp“ aus dem Jahr 1981 zeigt eine andere Seite des Vergessens, eine, die den, der vergessen möchte, in einen Kokon vorsichtigen Mitfühlens hüllt.
Foto: Elise Brauer, 2024.
Was heute ein unscheinbarer Laden für Elektronik zu sein scheint, ist ein Ort, an dem in den 1970er Jahren Musikgeschichte geschrieben wurde. Das Kling-Klang-Studio war der kreative Mittelpunkt, von dem aus die Band Kraftwerk die Welt der Musik revolutionieren sollte.
Foto: Koen Suyk / Anefo, CC0, via Wikimedia Commons
Als zwischen 1973 und 1985 das Kernkraftwerk in Kalkar-Hönnepel erbaut wurde, protestierte der Bauer Josef Maas zusammen mit Zehntausenden anderen. Der Duisburger Liedermacher Frank Baier verewigte ihn in seinem „Lied vom Bauer Maas“. Die Anti-Atomkraft-Bewegung konnte zwar nicht den Bau, wohl aber die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks in Kalkar verhindern.
Quelle: BArch, B 145 Bild-F019313-0010, Foto: Egon Steiner. Entnommen aus der Publikation: Kirschbaum, Jan Niko: Mahnmale als Zeitzeichen. Der Nationalsozialismus in der Erinnerungskultur Nordrhein-Westfalens (Public History – Angewandte Geschichte, Band 1), Bielefeld 2020, S. 187.
Der Entstehungsverlauf und die weitere Geschichte des am 16. Juni 1964 eingeweihten nationalen Ehrenmals am Akademischen Kunstmuseum im Hofgarten Bonn stellen ein symptomatisches Zeugnis des ambivalenten Charakters der Erinnerungskultur in der Bonner Republik dar.
Foto: Imago // https://www.dfb.de/maenner-nationalmannschaft/turniere/weltmeisterschaften/wm-geschichte/die-wm-1954/
Das Jahr 1954 teilt die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft in zwei ungleiche Abschnitte: in die Zeit vor dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft und in die Zeit danach. Ein jenseits jeder Erwartungsmöglichkeit liegender sportlicher Erfolg wird zum Ferment eines sich aufrichtenden nationalen Selbstbewusstseins und integrativen Gemeinschaftsgefühls.
Foto: Botaurus, Public domain, via Wikimedia Commons
1988 beauftragte das Bonner Friedensplenum den in Berlin lebenden türkischen Künstler Mehmet Aksoy mit der Anfertigung eines Denkmals für die unbekannten Deserteure. Da sich die Bonner Stadtpolitik gegen eine Aufstellung auf dem Friedensplatz aussprach, gelangte das Denkmal schließlich nach Potsdam. Dort steht es auf dem Platz der Einheit.
Illustration: Aktion Wohnungsnot e.V.. https://kiefern.org/wp-content/uploads/medien/KiefernDoku1986.pdf
Die Kiefernstraße liegt im Düsseldorfer Stadtteil Flingern-Süd und wurde in den 1980er Jahren durch ihre Hausbesetzungen bekannt. Damals lebten in der Straße 800 Bewohner*innen aus bis zu 45 Nationalitäten und verschiedenen sozialen Gruppen.
Videostill: Ariane Andereggen, Ted Gaier, 2019.
Die Goldenen Zitronen gelten als Vorläufer der „Hamburger Schule“, einer Generation von gesellschaftskritischen Popmusiker*innen in den 1990er Jahren, die die absurden Texte der Neuen Deutschen Welle (NDW) intellektualisierten. Ihr biografisches Musikvideo „Das war unsere BRD“ greift in den Erinnerungsraum der Bonner Republik ein.
Foto: Gerd Nettersheim // https://www.fu-berlin.de/campusleben/campus/2018/180509-rosenburg-projekt-barley/index.html
Die Rosenburg ist von 1950 bis 1973 der Sitz des Bundesministeriums für Justiz. Er ist zugleich die politische Hochburg des Unterschlupffindens sowie Deckungsgebens für hohe Funktionsträger im Nationalsozialismus. Dass die Aufdeckung der personellen Verstrickungen erst zwei Jahrzehnte nach dem Übergang der Bonner in die Berliner Republik beginnt, gehört zu den dunkelsten Schattenwürfen von beiden.
Foto: © Stadtarchiv Espelkamp // https://www.ausstellung-angekommen.de/neubeginn-und-entwicklung-seite-2
Seit 1949 sind die Gründung, der Aufbau und die Entwicklung der Stadt Espelkamp, die sich auf dem Gebiet einer ehemaligen nationalsozialistischen Munitionsanstalt vollziehen, ein beredtes Prisma unterschiedlicher Migrationsetappen und letztlich geglückter Integrationen während der „Bonner Republik“ und über sie hinaus.
Screenshot: zeit.punktNRW. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/26576162
„ein alter Mann steigt in die Straßenbahn und sagt: ‚Einmal bis Adolf-Hitler-Platz, bitte‘. Der Schaffner ist genauso erschrocken wie ihr. Das heißt nicht mehr Adolf-Hitler-Platz‘, sagt er zu dem alten Mann. ‚Das heißt jetzt Graf-Adolf-Platz.‘ Darauf der Mann: ‚Wat, haben die den Adolf jetzt auch noch zum Grafen gemacht?‘“1
Foto: Käthe Augenstein, Stadtarchiv Bonn
Von 1947 bis 1950 finden auf dem ländlichen Schloss Alfter 34 Veranstaltungen der Donnerstag-Gesellschaft statt. In Vorträgen, Lesungen und Aufführungen werden Literatur, Musik, Philosophie, Politik sowie bildende Kunst thematisiert. Die kulturelle Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit steht dabei im Mittelpunkt.
Videostill: Mirza Odabaşı.
„Ich bin stolz, ein Kind dieser Stadt zu sein. Hier wurde ich erzogen, lernte zu träumen und zu arbeiten.“
Am 29. April 1972 fand in Münster die erste Demonstration für die Rechte von Homosexuellen in der Bonner Republik statt. Eingerahmt in ein Veranstaltungswochenende zum Thema "Diskussion - Vernetzung - Party" zogen die Demonstrierenden vom Schloss bis in die Stadtmitte.
Grafik: © Anke Sentker und Judith Hofmann
Von 1958 an entwickelt sich im Raum der östlichen Niederlande, des nordwestlichen Nordrhein-Westfalens und südwestlichen Niedersachsens die erste Europaregion, deren erklärtes Ziel es ist, mittels einer grenzüberscheitenden Förderung aus ländlich geprägten Gebieten ein homogen miteinander verflochtenes Wirtschafts- und Gesellschaftsgefüge zu bilden.
„Ein besonderes Haus mit einer besonderen Kneipe“, so bezeichnen die jetzigen Eigentümer*innen das Haus ‚Frauenstraße 24‘ in Münster. Anfang der 1970er Jahre sollte die F24 – wie das Haus auch genannt wird – abgerissen werden, doch durch eine der ersten und längsten Hausbesetzungen in der Bonner Republik konnte die Wohnraumvernichtung verhindert werden.
Foto: Archiv für Alternatives Schrifttum.
Die 1965 gegründete Fabrik K14 gehört zu den ältesten, noch erhaltenen soziokulturellen Zentren in Deutschland. Mit der Förderung von politischer Bildung wollten die Aktivist*innen ein Zeichen gegen den wieder aufkeimenden Neofaschismus setzen. Der Ort entwickelte sich zu einem Knotenpunkt der Neuen Sozialen Bewegungen in Oberhausen und darüber hinaus.
Die Anfänge der Galerie Parnass, die innerhalb weniger Jahre zum Zentrum rheinischer Avantgardekunst avanciert und nach mehreren Umzügen innerhalb Wuppertals die Jugendstil-Villa in der Moltkestraße 67 bezieht, sind bescheiden:
Bundesarchiv, B 145 Bild-F010479-0006 / CC-BY-SA 3.0
Wenig prägt das Bild der Bonner Republik vergleichbar markant, wie der Rückgriff auf eine konservative Geschlechterordnung und das Engagement dagegen. Am 1. Juli 1958 trat das "Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts" in Kraft.
Foto: Bert Kaufmann, cc-by-2.0, via Wikimedia Commons
Das Landtagsgebäude NRW in Düsseldorf, von 1981 bis 1988 errichtet, verkörpert die „dargestellte Demokratie“ und nimmt als eines von drei während der Bonner Republik neugebauten Landtagsgebäuden eine Sonderrolle ein.
Foto: Sammlung Ernst Dittke, mit freundlicher Genehmigung von Ralf Piorr.
Die jazzwanne entwickelte sich zum Wirkungsort einer überregionalen und internationalen Jazzszene und steht stellvertretend für die Dichte und Vernetzung von Orten in Nordrhein-Westfalen, die durch das Engagement junger Erwachsener als Alternative zum öffentlichen Kulturangebot entstehen konnten.
Foto: Stadtarchiv Koblenz FA 1-931
Die Konferenz im Berghotel Koblenz, benannt nach dem Plateau Rittersturz, findet vom 08. bis 10. Juli 1948 statt. Sie ist die erste Zusammenkunft der 12 Ministerpräsidenten nach der Bekanntgabe der Frankfurter Dokumente. Mit ihr beginnt der Entscheidungsprozess, an dessen Ende 1949 der Zusammenschluss der drei westlichen Besatzungszonen zur Bundesrepublik steht.
Entnommen aus folgendem Artikel: Sedlack, Axel / Fränzel, Dieter: Urbs 71. Der „Wuppertaler Impuls“ vor fünzig Jahren. In: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr. 174, III/2021, S. 111.
Ausgerechnet die gleich einem Berg-und-Tal-Leporello anmutende Provinzstadt Wuppertal markiert mit dem Kunst- und Kulturfestival Urbs 71 ein Zeichen, das getragen vom Pioniergeist eines real „Mehr Demokratie wagen“ Willy Brands unter der Leitthematik „Arbeit und Gesellschaft“ für Kunstschaffende und -begegnende weitreichende Impulse für ein „Mehr Kunst wagen“ freisetzt.
Foto: Elke Terstegen, CC-BY-2.0 , via Wikimedia Commons
Vicco von Bülow, alias Loriot, entfaltet seit den 1950er Jahren – vornehmlich in Cartoons, Sketchen und Filmen – ein schillerndes Kaleidoskop des westdeutschen Mittelstandsbürgers. Aus dem breiten Spektrum seines schmunzelnd-kritischen Humors erwächst hierbei das markante Gütesiegel „Made by Loriot“.
Gaststätte Watteler Fassade. Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Hans-Theo Gerhards
Das 1958 gegründete LVR-Freilichtmuseum Kommern sammelt, archiviert, hegt und stellt seit 1961 Alltagskultur des ländlichen Rheinlandes aus. In der Mittelgebirgsregion Eifel gelegen, wird man zu einer Zeitreise eingeladen, die eine Spanne weit vor der „Bonner Republik“ bis mitten in sie hinein umfasst.
Foto: Helga und Theo Scheerer; Historisches Archiv Stadt Köln, Best. 1431. Entnommen aus: Historisches Archiv der Stadt Köln (Hrsg.): Die Kölner Mittwochgespräche 1950-1956, Köln 1991, S. 25.
Die Mittwochgespräche im Kölner Hauptbahnhof haben vom 4. Dezember 1950 bis 4. Juli 1956 wöchentlich stattgefunden. Initiator und Organisator der Veranstaltungsreihe ist Gerhard Ludwig gewesen, der über Diskussionen und Streitgespräche Probleme und Thesen der deutschen Nachkriegsgesellschaft ins öffentliche Bewusstsein gebracht hat.
Cover der Ausstellungskataloges „Rheinische Künstlergemeinschaft", 27.01. bis 28.03.1951. Gestaltung von Joseph Fassbender, Bornheim
Das Museum Morsbroich in Leverkusen ist das erste Museum für Gegenwartskunst, das nach der Diktatur des Nationalsozialismus und dessen kultureller Barbarei im Jahr 1951 in der Bundesrepublik Deutschland neu gegründet worden ist, und das bereits vier Jahre vor der ersten „Documenta“ in Kassel.
Screenshot: OpenStreetMap, 2025.
„Tatsächlich ist Oberbilk ja ein Dreieck aus Gleisen, es gab also diese echte physikalische Grenze, und es gab eine psychologische Grenze. Das empfinde ich übrigens heute noch so. Es fällt mir immer noch schwer, die Gleise zu überqueren. Oberbilk zu verlassen – und sei es nur zum Einkaufen – ist jedes Mal eine bewusste Entscheidung.“1
Zu Beginn der Zweiten Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre bildeten vor allem jüngere, akademisch qualifizierte Frauen die Basis dieser Emanzipationsbewegung. Ihr Aktionsradius umfasste in der Regel größere Universitätsstädte wie Berlin, Frankfurt oder München, deren Frauengruppen im Umkreis des Sozialistischen Hochschulbundes zu Taktgeberinnen der bundesdeutschen Frauenbewegung wurden.
Foto: Stadtarchiv Düsseldorf
Wie in vielen deutschen Städten, sahen die verantwortlichen Architekten und Stadtplaner auch im kriegszerstörten Düsseldorf eine Chance:
Foto: Thomas Schleper, 1/2024
Wie dankbar ist man für Lichtblicke, die endlich im westdeutschen Braunkohlerevier auszumachen sind, dem Terrain der größten Dreckschleudern Europas. Mit der Pressekonferenz vom 30.1.2024 im 2021 abgeschalteten Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf, dem Anfang der 1970er weltweit größten seiner Art, tun sich neue Perspektiven für die Region, für die Kultur und für eine gelingende Transformation auf.
© Gestaltung capa Design, Anke Fesel unter Verwendung eines Fotos von Andreas Trogisch/bobsairport
Der Roman „Rummelplatz“ von Werner Bräunig wird 1965 in der DDR verboten. Trotz der Möglichkeit, ihn in der BRD zu veröffentlichen, entscheidet sich der vom Sozialismus vorerst überzeugte Autor dagegen. 2007 wird das Fragment gebliebene und redigierte Manuskript schließlich posthum im wiedervereinigten Deutschland publiziert.