EUREGIO
Melanie Lange, Moderne im Rheinland
Illustration der Homepage von EUREGIO https://www.euregio.eu/de/
Grafik: © Anke Sentker und Judith Hofmann- 1958
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Von 1958 an entwickelt sich im Raum der östlichen Niederlande, des nordwestlichen Nordrhein-Westfalens und südwestlichen Niedersachsens die erste Europaregion, deren erklärtes Ziel es ist, mittels einer grenzüberscheitenden Förderung aus ländlich geprägten Gebieten ein homogen miteinander verflochtenes Wirtschafts- und Gesellschaftsgefüge zu bilden.
Die Profilierung der ersten EUREGIO findet auf den Ebenen wirtschaftliche Zusammenarbeit, Ausbau der Infrastruktur und kultureller Dialog statt. Die umfassenden Vorteile einer Stärkung der Peripherie zwischen dem industriestarken Rhein-Ruhr-Gebiet und der Freien Hansestadt resp. des „Zwei-Städte-Staates“ Bremen auf der deutschen Seite und der niederländischen „Randstad“ im Westen – die Region zwischen Amsterdam, Rotterdam, Utrecht und Den Haag – sind früh erkannt worden. So schreibt der Journalist A. J. H. Gietelink bereits Mitte der 1960er Jahre: „EUREGIO zwischen Rhein, Ems und Ijssel wird und kann also einen wertvollen Platz zwischen den ‚statischen‘ Agrargebieten und den großen Agglomerationen im Dienst der Wohlfahrt und des Lebensstandards der Europäischen Bürger einnehmen.“1
Auf den ersten Blick mag es scheinen, dass sich hier einem von den Alliierten prononcierten politischen Duktus auf provinzieller Ebene angeschlossen wird. Immerhin lässt sich auf die Gründungen der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ im Jahr 1951 sowie der „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ und „Europäischen Atomgemeinschaft“ 1957 orientierend zurückblicken, ihres Zeichens pionierhafte Vorgänger des „Vertrages von Maastricht“, sprich der „Europäischen Union“ 1992.
Doch ist das nur die halbe Wahrheit, präziser: die politische, institutionalisierte Seite der Medaille. Der Aufbau der EUREGIO wird von einem Leitgedanken flankiert, der bei aller lokalen Begrenztheit letztlich weiter, auf jeden Fall tiefer reicht als sämtliche vernünftigen Kalküle einer Prosperität steigernden Kooperation, die nicht an Ländergrenzen haltmacht. Dieser Leitgedanke ist eng verknüpft mit Alfred Mozer, dem ersten Vorsitzenden eines 1971 ins Leben gerufenen „sozial-kulturellen Arbeitskreises“. Er besteht in einer ebenso einfachen wie zutreffenden Feststellung: Wer zusammenarbeiten möchte, der muss sich zuerst kennen und vertrauen lernen.2
Spätestens in dem Augenblick verliert insbesondere der Part „vertrauen lernen“ seine binsennahe Selbstverständlichkeit, da der erinnernde Leser sich vor Augen führt, aus welchem Blickwinkel die Niederlande erst jüngst gezwungen gewesen ist, den Aggressor Großdeutsches Reich zu erdulden.
Genau darin aber, im Wieder-Aufeinander-Zugehen, Sich-neu-Kennenlernen, Vertrauen-Schenken und -Schöpfen, auf deutscher Seite auch sich selbst, besteht der Verhaltenskern der Generationenstaffeln, der die „Bonner Republik“ mit dem Substrat versieht, dass eine freiheitlich demokratische Grundordnung nicht bloß feierlich verkündet, sondern, allem Störfeuer zum Trotz, stetig stabiler im Arbeits- und Lebensalltag praktiziert wird. Woraus nichts Geringeres folgert als das Heranwachsen einer, sich reziprok katalysierenden, nationalen Identität, die nicht sogleich in einen suprematistischen Nationalismus mündet, vielmehr sich als integralen Teil einer europäischen Gemeinschaft versteht und entsprechend handelt. Hierbei sind es häufig am verlässlichsten die bescheidenen Nischen, die den Bühnen der Weltpolitik das tragende Fundament verleihen.
Weiterführende Literatur und Links
Fußnoten
- Belangengemeenschap Twente-Oost Gelderland / Stichting Streekbelangen Oostelijk Gelderland / Interessengemeinschaft Rhein-Ems: EUREGIO: Der Raum zwischen Rhein-Ems und Ijssel, Bocholt 1965, S. 183.
- Wiedergegeben in Anlehnung an: https://www.euregio.eu/de/wer-wir-sind/geschichte/