Safe spaces - Frauenhaus Warendorf
Westfälische Nachrichten / Emsbote vom 07.03.1981
- 1981
- Gesellschaft
- Kultur
- Warendorf
- Frauenbewegung
Zu Beginn der Zweiten Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre bildeten vor allem jüngere, akademisch qualifizierte Frauen die Basis dieser Emanzipationsbewegung. Ihr Aktionsradius umfasste in der Regel größere Universitätsstädte wie Berlin, Frankfurt oder München, deren Frauengruppen im Umkreis des Sozialistischen Hochschulbundes zu Taktgeberinnen der bundesdeutschen Frauenbewegung wurden.
Erst mit der Thematisierung von spezifisch weiblichen Gewalterfahrungen – wie ungewollte Schwangerschaften oder sexueller Missbrauch und Gewaltanwendung in Familien und dem damit verbundenen Einbruch in den Tabubereich des Privaten – erreichte und verband die Frauenbewegung über den Campus hinaus ein breiteres Spektrum an Akteurinnen wie auch eine (territorial und sozial) weitaus größere Reichsweite.
So kam es in den 1970er Jahren, nachdem zunächst im November 1976 in Berlin und einen Monat später in Köln in zwei Universitätsstädten die beiden ersten ‚Frauenhäuser‘ in der Bonner Republik eröffnet hatten, auch in Kleinstädten wie im westfälischen Warendorf zur Gründung eines Schutzraumes für misshandelte Frauen und ihre Kinder. Oft hatten die Initiatorinnen der autonomen Vereine, die zumeist unter den Namen „Frauen helfen Frauen“ firmierten, zuvor bereits privat telefonische Beratungen angeboten und die hilfesuchenden Frauen in ihre eigenen Wohnräume aufgenommen. Auch in Warendorf waren Frauen in Anlehnung an das Kölner Beispiel bereits 1979 so vorgegangen bis die in Sassenberg ansässige Tierärztin Sibylle Schücking-Helfferich statt auf langfristige Unterstützung seitens der Warendorfer Stadtverwaltung und parlamentarischen Gremien zu hoffen, mit dem Bausparvertrag ihrer Schwester, der Detmolder Sozialrichterin Annette Schücking-Homeyer, im Sommer 1981 eine alte Schule in Vohren, einem Vorort von Warendorf kaufte. Die Konzentration auf dieses Handlungsfeld resultierte nicht zuletzt auch in ländlichen Räumen aus der Erkenntnis, wie es Sibylle Schücking Helfferich in ihrem Tagebuch festhielt: „Wie wenig hab ich gewußt, wie Frauen leben – und das in Warendorf. Ich bin erschüttert.“ Allerdings stießen diese Hilfsmaßnahmen von engagierten Bürgerinnen weder in der Politik noch in der Öffentlichkeit auf Unterstützung, sondern wurden verunglimpft und die Initiatorinnen nicht selten diffamiert und die Förderung der ‚autonomen‘ Frauenprojekte mit Verweis auf bestehende konfessionelle Einrichtungen für Obdachlose verweigert.
Schließlich jedoch konnten die Warendorfer Frauen in Vohren ihr Schutzhaus errichten. Nach und nach wuchs ihr Bekanntheitsgrad, nicht zuletzt durch die notwendig gewordene offensive Öffentlichkeitspolitik der Vereine, durch die sie ausbleibende finanzielle Sicherheiten – wie einen festen Haushaltstitel in den jeweiligen Gemeinden bzw. Förderungen durch die jew. Bundesländer wie ab 1980 durch NRW – noch heute über Spenden zu kompensieren suchen.
Weiterführende Literatur und Links
- Paulus, Julia: (Neue) Frauenbewegungen – auch auf dem ›Land‹?, in: 1968. Gesellschaftliche Nachwirkungen auf dem Lande, hg. v. Lu Seegers, Göttingen 2020, S. 141-158.
- Paulus, Julia: "Da muss man doch 'was machen!". Bewegungs-Gründe von Frauenprotestformen in der Bundesrepublik in den 1970er und 1980er Jahren, in: Wilhelm Damberg / Traugott Jähnichen (Hg.), Neue soziale Bewegungen als Herausforderungen sozialkirchlichen Handelns, Stuttgart 2015, S. 91-102.
- Paulus, Julia: Eigensinn und Loyalität - Protest- und Mobilisierungskulturen in ländlichen Gesellschaften am Beispiel der politischen Emanzipationsbewegungen von Frauen (1970 bis 1990), in: Franz-Werner Kersting / Clemens Zimmermann (Hg.), Stadt-Land-Beziehungen im 20. Jahrhundert. Geschichts- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, Paderborn 2015, S. 137-154.
- 30 Jahre Frauenhaus Warendorf. Rückblich auf 2010 und die ersten dreißig Jahre, Warendorf 1980. - Link
- Mies, Maria: Der Kampf um das ‚Frauenhaus Köln‘. - Link