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Die Stadt Espelkamp

Melanie Lange, Moderne im Rheinland

Zu sehen ist die Schwarz-Weiß-Fotografie eines im Wald gelegenen kleinen Hauses, von dem ein Fenster soeben instand gesetzt und eine Tür zugemauert wird. Im Vordergrund klaubt eine Frau einige passende Steine aus einem recht hohen Backsteinhaufen. Direkt neben ihr schieben drei Kinder eine mit Backsteinen beladene Holzschubkarre auf das Haus zu.

Umbau einer Munahalle in Espelkamp, 1949.

Foto: © Stadtarchiv Espelkamp // https://www.ausstellung-angekommen.de/neubeginn-und-entwicklung-seite-2
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Seit 1949 sind die Gründung, der Aufbau und die Entwicklung der Stadt Espelkamp, die sich auf dem Gebiet einer ehemaligen nationalsozialistischen Munitionsanstalt vollziehen, ein beredtes Prisma unterschiedlicher Migrationsetappen und letztlich geglückter Integrationen während der „Bonner Republik“ und über sie hinaus.

1948 setzt das Evangelische Hilfswerk Westfalen mit der Gründung des Ludwig-Steil-Hofs (dessen karitative Tätigkeit sich zunächst auf die Betreuung von Kindern, Jugendlichen und alten Menschen erstreckt) ein wegweisendes Zeichen. Bereits im Folgejahr, am 04. Oktober 1949, beginnt die vorbildliche, unter dem Namen „Aufbaugemeinschaft Espelkamp“ firmierende Zusammenarbeit der Evangelischen Kirche und des Landes Nordrhein-Westfalen, die zur Gründung der „Vertriebenen- und Flüchtlingssiedlung Espelkamp-Mittwald“ führt.
Im Anschluss wird die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Ansiedlung von Industrieanlagen, der kommunale Wohnungsbau und die Verbesserung der Infrastruktur vorangetrieben. Dies findet in einem sich ausweitenden karitativen Engagement der Evangelischen Kirche seine Entsprechung. Ein Jahrzehnt später, am 03. Oktober 1959, verleiht die Landesregierung der Gemeinde Espelkamp die Bezeichnung „Stadt“.

Diese vorbildliche Erfolgsgeschichte, die Hannelore Oberpenning mit den Worten zusammenfasst: „Damit wurde die Muna – als ehemalige Produktionsstätte der Vernichtung – zum Ausgangspunkt eines der größten sozialen, karitativen, politischen und wirtschaftlichen Projekte der Nachkriegszeit.“1 , ist jedoch kein Selbstläufer. Das überaus heterogene demografische Profil der Stadt bringt unweigerlich Reibungsflächen und Konfliktherde mit sich.
In der Nachkriegszeit der 1940er und 50er Jahre sind es Vertriebene und Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die in den Baracken der ehemaligen Munitionsanstalt eine provisorische Unterkunft finden. „Eine aus Pommern geflohene Espelkamperin erinnert sich 50 Jahre später: ‚Jeder war gleich arm bzw. gleich reich, keiner hatte mehr als der andere, wir saßen alle in einem Boot […]. Also, es war eine große Familie […].‘“2 Indem sie aus der geteilten Not eine gemeinsame Tugend machen, gestalten sie buchstäblich mit den eigenen Händen ihre Stadt!

Schwieriger gestaltet sich das Verhältnis zur Altgemeinde, den alteingesessenen Bauern. Doch genau an dieser Stelle wird Espelkamp zu einem Fallmodell, wie sich eine Feldstudie es sich nicht idealer konfigurieren könnte. Jedes weitere Jahrzehnt bringt einen neuerlichen Migrationsschub mit sich, jeder aus anderen Ursprungsländern. In den 1960er Jahren treffen „Gastarbeiter“ aus Griechenland, Italien, Jugoslawien oder der Türkei auf die inzwischen fest gefügte Gemeinschaft der Espelkamper*innen und werden als „die Fremden“ angefeindet, die die nun Ansässigen noch vor Kurzem gewesen sind. In den 1970er Jahren ist es die „Aussiedlerzuwanderung“ aus der UdSSR, Polen und Rumänien sowie Mennoniten aus Paraguay, die der Identität der Stadt eine weitere Schicht hinzufügt, bevor in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre der Zuzug von russlanddeutschen „Aussiedlern“ vorherrscht. „In Espelkamp trafen mithin Altespelkamper auf Schlesier, Ostpreußen auf Pommern, Sudetendeutsche auf Thüringer, Türken auf Fabbenstedter und Frotheimer sowie Aussiedler aus der Sowjetunion auf Zuwanderer aus Südamerika und schließlich Aussiedler der 1970er Jahre auf jene der 1980er und 1990er Jahre.“3
Espelkamp bietet also eine*r Betrachter*in ein Sozio- und Psychogramm dessen, was konfliktbeladen geschieht, wenn Fremdheit auf Heimischsein stößt, Hoffnungen auf Ängste, Erstreben auf Bewahren. Vor allem demonstriert dieser Ort die Jahresringe eines aller Schwierigkeiten zum Trotz erfolgreichen Zusammenwachsens.

Weiterführende Literatur und Links

Fußnoten

  1. Oberpenning, Hannelore: „Arbeit, Wohnung und eine neue Heimat…“ Espelkamp – Geschichte einer Idee, Essen 2002, S. 10.
  2. Oberpenning, Hannelore: „Arbeit, Wohnung und eine neue Heimat…“ Espelkamp – Geschichte einer Idee, Essen 2002, S. 121.
  3. Oberpenning, Hannelore: „Arbeit, Wohnung und eine neue Heimat…“ Espelkamp – Geschichte einer Idee, Essen 2002, S. 204.
  • Oberpenning, Hannelore: „Arbeit, Wohnung und eine neue Heimat…“ Espelkamp – Geschichte einer Idee, Essen 2002.
  • Kruse, Kurt: Die ökonomischen und sozialen Grundlagen und Probleme von Espelkamp-Mittwald. Voraussetzungen, Aufgaben und Ergebnisse beim Aufbau einer neuen Stadt (Dissertation), Münster 1962.

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