Antisemitische Schmierwelle 1959/60
Nico Unkelbach
Synagoge in Köln, Roonstraße, 2006
Hans Peter Schaefer, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.- 1959
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Der Heiligabend 1959 bildete den Auftakt einer antisemitischen Schmierwelle. Vor allem junge Täter*innen begingen innerhalb eines Monats über 600 sich gleichende antisemitische Propagandadelikte. Diese Welle eines öffentlich ausgelebten Antisemitismus führte zu einer wichtigen gesellschaftlichen Debatte innerhalb der Bonner Republik.
Am Abend des 24. Dezember 1959 schändeten zwei Mitglieder der Deutschen Reichspartei (DRP) die erst am 20. September eröffnete Synagoge in der Kölner Roonstraße und ein Denkmal für NS-Opfer. Sie nutzten für ihre Schmieraktion die Farben des Deutschen wie des Dritten Reiches: Schwarz, Weiß und Rot. Die beiden Täter wurden im Februar 1960 vom Landgericht Köln zu 10 und 14 Monaten Haft verurteilt.
Die Synagoge war in der Reichspogromnacht 1938 zerstört worden. Ihr Wiederaufbau wurde unter anderem vom ehemaligen Oberbürgermeister von Köln und dem damalig amtierenden Bundeskanzler Konrad Adenauer unterstützt. Bereits zuvor, im Januar desselben Jahres, hatte es eine vergleichbare Art und Weise der Tatbegehung gegeben als die Eingangstüren der neu eingeweihten Neuen Synagoge in Düsseldorf und eine Gedenktafel mit Hakenkreuzen verunstaltet worden sind. Ebenfalls im Januar wurde der Jüdische Friedhof in Freiburg mit der gleichen nationalsozialistischen Symbolik geschändet. Beide Fälle führten jedoch zu keiner vergleichbaren Berichterstattung.
Die Tat der beiden DRP-Mitglieder in Köln gilt als Auftakt antisemitischer Schmierwellen in der Bonner Republik. Innerhalb eines Monats verzeichneten die Behörden über 600 vergleichbare Taten, vor allem begangen von Täter*innen, die im Nationalsozialismus geboren oder sozialisiert wurden. International demonstrierten Tausende gegen das Geschehen in der Bundesrepublik. Die politische Führung der jungen Bonner Republik reagierte schnell und verurteilte einhellig diese antisemitischen Angriffe. Bundespräsident Heinrich Lübke zweifelte öffentlich an dem Geisteszustand der Täter*innen, während Adenauer (beide CDU) sogar zur Selbstjustiz aufrief und beim Habhaftwerdung eine „Tracht Prügel“ zu verteilen. Der spätere sozialdemokratische Bundeskanzler und zu dieser Zeit noch regierende Bürgermeister von Berlin Willy Brandt zog einen biblischen Vergleich in dem er eine „Brigade des Teufels“ sah, die auf die junge Bonner Republik losgelassen wurde. Doch sprach er ebenso den wunden Punkt der deutschen Nachkriegsgesellschaft an, dass der breite öffentlich sichtbare Antisemitismus „alles das heraus(fordert), was nach den Millionenmorden in den Gaskammern und in den Vernichtungslagern im Grunde ungesühnt geblieben ist .“ Auch die ebenso noch junge Zivilgesellschaft positionierte sich. Allein am 8. Januar 1960 demonstrierten 40.000 Menschen in West-Berlin gegen Neonazismus und Antisemitismus. Die DRP war wenige Jahre später Mitbegründerin der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD).
Die antisemitische Schmierwelle 1959/60 stellte einen historischen Augenblick im politisch-kulturellen Wandel im Umgang mit der eigenen NS-Vergangenheit dar. Wenige Monate später ergänzte der Bundestag das Strafgesetzbuch und setzte Volksverhetzung unter Strafe. In den Schulen kam es im Geschichtsunterricht zu einer Schwerpunktsetzung auf den NS und der Einführung von Austauschprogrammen mit israelischen Schulen.
Weiterführende Literatur und Links
- Aktives Museum. Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Antifaschistisches Presse- und Bildungszentrum Berlin e.V. (Hrsg.): „Immer wieder? Extreme Rechte und Gegenwehr in Berlin seit 1945“, 2019.
- Botsch, Gideon: „Die ‚Hakenkreuzschmierwelle‘ 1960 und das Verbot des Bundes Nationaler Studenten”, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) 65 (2017), S. 855–874.
- Sträter, Winfried: „Hakenkreuzschmiererein in der BRD“, 24. Dezember 2019, abgerufen am 22. April 2024. - Link
- Unkelbach, Nico: „Die dynamische Funktion der Jungen Nationaldemokraten auf die Nationaldemokratische Partei Deutschlands 1968-1983“, 2013.