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BAP: „Jupp“

Melanie Lange, Moderne im Rheinland

BAP: „Jupp“
BAP: Jupp, Text und Musik: K. Heuser, W. Niedecken. Ein Song des Albums: Für usszeschnigge! (Zum Ausschneiden!), 1981, EMI Electrola. Beide Textvarianten sind gemäß den handschriftlichen Fassungen auf der Textbeilage zum Plattencover zitiert.
BAP: „Jupp“
Hochdeutsche Version des Songtextes
  • 1981
  • Gesellschaft
  • Politik
  • Medien
  • Köln
  • Musik
  • Aufarbeitung
  • Erinnerungskultur
  • Nachkriegszeit

Leitfadenartig durchzieht die „Bonner Republik“ ein Vergessen, das von den Staatstragenden als Instrument genutzt wird, um ihren Zugriff auf Macht und Erfolg auch unter demokratischen Vorzeichen aufrechtzuerhalten. BAPs Song „Jupp“ aus dem Jahr 1981 zeigt eine andere Seite des Vergessens, eine, die den, der vergessen möchte, in einen Kokon vorsichtigen Mitfühlens hüllt.

1981 betritt die Kölner Rockband BAP mit der LP „Für usszeschnigge!“ („Zum Ausschneiden!“) die Musikszene. Fast noch mehr als über die Musik selbst – die herausgekoppelte Single „Verdamp lang her“ wird, bis heute gültig, zur Song-Ikone –, staunt das Rock-Publikum über den durch nichts geschmälerten „Kölsche“ Dialekt und über manche in diesem außerhalb von Köln, vorsichtig ausgedrückt, ‚seltsamen‘ Idiom vorgetragenen Inhalte.
Auf dem im darauffolgenden Jahr herausgebrachten Album „Vun drinne noh drusse“ („Von drinnen nach draußen“) ist es der Song „Kristallnaach“ („Kristallnacht“), der den dezidiert politischen Vergangenheitsbezug mittels einer Vergegenwärtigung der „Reichskristallnacht“ (09./10. November 1938) exemplifiziert – und das unter besonderer Betonung einer überaus aktuellen Virulenz der diesem Auslöschungsfanal zugrundeliegenden Anschauungs- und Hassströmungen. Der gleichnamige Song der LP „Ahl Männer, aalglatt“ („Alte Männer, aalglatt“) aus dem Jahr *1985/1986 könnte geradezu als musikalisches Prisma des Entwicklungsstranges der „Bonner Republik“ betrachtet werden, auf dem die neodemokratischen Machthalter in Politik und Wirtschaft sowie die ebenfalls am Wunder eines aufstrahlenden Gesinnungswandels partizipierenden Entscheidungsträger und Mitgestalter u. a. in den Segmenten Kultur, Architektur, Medizin, Justiz ihren nationalsozialistischen Erfolgsfundus, nach allenfalls ephemeren Knicken abermals reüssierend, in der freiheitlichen Gegenwart kontinuieren.1

Auf dem Debutalbum 1981 ist der Song „Jupp“2 zu finden. Dieser öffnet den Zuhörenden eine Perspektive, die einzunehmen Feinfühligkeit und Differenzierungsbereitschaft voraussetzt. Jupp ist ein Obdachloser, der sich am Severinstor herumtreibt, solide Alkohol konsumiert und mit seinen unter dem Motto „Weltreis“ stehenden bunt-abstrusen Geschichten seine Kumpels und sich selbst „fruh verzällt“. Es sind ausnahmslos Geschichten von schillernden Erlebnissen aus längst vergangenen Tagen, vor allem aus jenem Reich, in dem sich die Fantasie nicht mehr von der Angst vor der Illusion einschüchtern lässt. Erlebnisort reiht sich an Erlebnisort. Doch ausgerechnet jener Ort, an dem er, einzig verbindlich, für eine ewig anmutende Weile wirklich gewesen ist, Stalingrad, taucht in keiner seiner Erzählungen auf. „‚Wo litt dann Stalingraad? En welchem Land ess dat‘? / „Stalingraad pack hä nie, irgendwie.“

Jupp hat diesen echten und ungemein neuralgischen Ort ‚vergessen‘. Greift er also zu dem Mittel, das die Scharen der Täter und Täterinnen als Sprungbrett für die nächste Stufe auf ihrer Durchsetzungsleiter nutzen? Nein, das tut er nicht. Jupps Vergessen kennzeichnet ein markanter Unterschied. Jupp hat Stalingrad offenkundig überlebt. Er ist zurückgekommen, das heißt, das, was Stalingrad – dessen Orgeln, Kälte, Hunger, Massensterben, kurz der Inbegriff des absoluten Irrsinnes eines Krieges – von dem, was einst seine Existenz gewesen ist, übrig gelassen hat. Sein Körper hat es bis zur „Vringspooz“ geschafft; sein Geist, seine Psyche, ist man bereit, sich vor dem christlichen Glauben, der in Weltkriegszeiten eine besonders starke Konsistenz annimmt, zu verneigen, seine Seele, sind jedoch unersetzbar aufgerieben. Jupp, dem gemeinen Wehrmachtssoldat, der als militärischer Mittäter das grauenhafte Geschehen initiiert und als Zeuge das ganze Ausmaß des Angerichteten erfahren hat, darf eine glaubhafte Teilhabe am Opfersein zugebilligt werden. Für Jupp ist Vergessen das einzige, notwehrgleiche Verhalten, das ihm einen motorisch-vegetativen Fortbestand seiner traurigen Überbleibsel-Existenz an der achtungslosesten Bruchkante der Gesellschaft erlaubt. Vergessen im Rang einer opiaten Betäubung dient ihm als allerletzte Zuflucht, die den Preis einer unumkehrbaren Resignation und eines völligen Identitätsverlustes längst entrichtet hat. Ein derartig defensives Vergessen mit hocherhobenen Händen, das einem Hilferuf am Pol hermetischen Schweigens gleichkommt und nichts weiter erhofft als ein wenig Linderung des Schmerzes, hat nichts gemein mit den Vertuschungs- und Täuschungsstrategien der Gesinnungsjongleure, die das Vergessen als eine Patrone dazu nutzen, sich wieder den Weg nach oben zu ebnen. Wer wie Jupp mit dem Überleben bezahlt, dem darf man ein in harmlosen Träumereien umherirrendes Gedächtnis nachsehen.

Weiterführende Literatur und Links

Fußnoten

  1. „Dat he’s kei Land mieh / … doch immer noch eins / wo ahnbiederndste Böck Järtner sinn, / Och wenn se veezisch Johr blööke / dat dat lang nimmich stemp.“ („Das hier ist kein Land mehr, … doch immer noch eins, / wo die anbiederndste Böcke Gärtner sind, / auch wenn sie vierzig Jahre blööken, dass das lange nicht mehr stimmt.“) BAP: Ahl Männer, aalglatt, Text und Musik: W. Niedecken, K. Heuser. Ein Song des Albums: Ahl Männer, aalglatt (Alte Männer, aalglatt), *1985/1986, EMI Electrola. Beide Zitate sind gemäß den Fassungen der Textbeilage zum Plattencover wiedergegeben. Das kursiv geschriebene „das“ in der letzten Zeile der hochdeutschen Fassung ist von mir entsprechend dem Mundarttext hinzugefügt.
  2. BAP: Jupp, Text und Musik: W. Niedecken, K. Heuser. Ein Song des Albums: Für usszeschnigge! (Zum Ausschneiden!), 1981, EMI Electrola. Siehe das Zitat des Textsongs.
  • Zum Song auf YouTube - Link

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