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Kunst- und Kulturfestival Urbs 71

Melanie Lange, Moderne im Rheinland

Zu sehen ist die Titelseite der veranstaltungsinternen Zeitung "urbs express", auf der die Headline „Im Mittelpunkt steht der Mensch?!" in Form eines fragestellenden Ausrufes einen konzeptionellen Schwerpunkt des Projektes benennt.

Ausschnitt des urbs express, Zeitung der Urbs 71-Initiative.

Entnommen aus folgendem Artikel: Sedlack, Axel / Fränzel, Dieter: Urbs 71. Der „Wuppertaler Impuls“ vor fünzig Jahren. In: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr. 174, III/2021, S. 111.
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Ausgerechnet die gleich einem Berg-und-Tal-Leporello anmutende Provinzstadt Wuppertal markiert mit dem Kunst- und Kulturfestival Urbs 71 ein Zeichen, das getragen vom Pioniergeist eines real „Mehr Demokratie wagen“ Willy Brands unter der Leitthematik „Arbeit und Gesellschaft“ für Kunstschaffende und -begegnende weitreichende Impulse für ein „Mehr Kunst wagen“ freisetzt.

Urbs 71 steht für ein Kulturfestival, das im zeitlichen Rahmen einer Woche in 270 Einzelveranstaltungen aus den Bereichen Bildender Kunst und Literatur, Musik und Schauspiel, Politkabarett und Straßentheater, aber auch in Form offener Werkstätten sowie unter dezidiert gewünschter Einbeziehung, sprich ‚Aktivierung‘ der Besucher ein kulturelles Prisma einer sich gegenwärtig wandelnden Zeit entfaltet. Mit ihrem Kulturdezernenten Klaus H. Revermann als konzeptionellem Spiritus Rektor ist Wuppertal der organisatorische Ankerpunkt der kooperierenden Städte Köln, Dortmund, Bochum, Oberhausen und Krefeld. Die thematische Vorgabe „Arbeit und Gesellschaft“ – ein fernes, gleichwohl brisant aktuelles Echo der Tatsache, dass Wuppertal die Geburtsstadt Friedrichs Engels ist? – lädt die Kunstschaffenden regelrecht dazu ein, die etablierten Pfade der Kunstproduktion wie -konsumtion zu verlassen, um die sozialen und politischen Dimensionen zeitgenössischer Kunst in den Vordergrund zu rücken. Folgerichtig werden neben den klassischen Infragestellungen der Legitimität von hierarchisch gestaffeltem Eigentum der marginale Umweltschutz, die Versäumnisse und Erfordernisse der Stadtsanierung, das Belastungskonzentrat Arbeitplatz – einschließlich des Augemerks auf die geschlechtsspezifisch doppelt schwierige Situation weiblicher Arbeitnehmerinnen – oder das weite Problemfeld der Pädagogik in denkbar unverblümter Ausdrucksweise zur Sprache gebracht.
Es passiert, was regelmäßig passiert, wenn angestautes Engagement und lupenreine Überzeugtheit auf die apostrophierte Möglichkeit treffen, sich frei zu äußern. Nicht allein die
Besucher*innen sind darauf „nicht ausreichend vorbereitet“.1 Auch die Verantwortlichen kommen nicht umhin, zum Bumerang der Zensur zu greifen. Klaus H. Revermann selbst fasst die entfachte Dialektik von Freiraum und Grenzziehung treffend in die nachdenklichen Worte:

„Was die Straßentheater vom Schlage des ‚Checkpoint Charlie‘, ‚Ton, Steine, Scherben‘, ‚Tabernakel‘ und ‚Rote Steine‘ anlangt, so waren der Holzhammer, das politische Schwarz-Weiß-Malen und der sprachliche Fäkalbereich derart dominant, dass die angestrebten Diskussionen kaum vernünftig in Gang kamen. Wenn Revolutionseuphorie und Soziologenchinesisch das Florett des gesellschaftskritischen Kabaretts total ersetzen, wird es unergiebig. Die Humorlosigkeit, mit der die Agit-Pop-Gruppen (wie der ‚Floh de Cologne‘) auf die erstaunte Bevölkerung einhieben, lies die angestrebte Kommunikation nur selten zu. Die Rufe nach einem Verbot konnten nicht ausbleiben.“2

Dennoch, resp. gerade wegen des mit Provokationen gespickten Profils, besticht das Kulturfestival Urbs 71 durch seine sich über die Jahre hinweg potenzierende Langzeitwirkung. Das konzertierte Miteinander von Kommunen sowie die Bereitschaft, auch derjenigen Kunst ein öffentliches Forum zu verleihen, die sich als streitbar-umstrittene Intervenierungsinstanz der Wirklichkeit, als ästhetisch verschwindend gering sublimierte Herausforderung versteht, tragen maßgeblich dazu bei, dass NRW als Nukleus der Bonner Republik – unlängst noch ein „künstliches Gebilde von britischen Gnaden“ – nicht nur eine markante kulturelle Topografie auszeichnet, sondern zu einer Identität heranwächst, zu deren primärem Merkmal ein außerordentlich hohes Maß an Vielfalt und verbindender Heterogenität gehört. Eine solche Entwicklung vermag sich u. a. darin widerspiegeln, dass, um beim Wuppertaler Beispiel Urbs 71 zu bleiben, aus den schrillen Spektakeln der Nebenstraßentheater einige Jahre später womöglich das in die Welt hinausziehende Tanztheater einer Pina Bausch hervorgeht.

Weiterführende Literatur und Links

Fußnoten

  1. Sedlack, Axel / Fränzel, Dieter: Urbs 71. Der „Wuppertaler Impuls“ vor fünfzig Jahren, 2021. In: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr. 174, III/2021, S. 111.
  2. Sedlack, Axel / Fränzel, Dieter: Urbs 71. Der „Wuppertaler Impuls“ vor fünfzig Jahren, 2021. In: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr. 174, III/2021, S. 111/112.

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