Von der Dreckschleuder zum sauberen Glücksfall?
Thomas Schleper, Universität Wuppertal
Zweischneidiger Fortschritt: Modell, Frimmersdorf II, nach 1988, Blick von Südosten: Vorne links, Sozial- und Verwaltungsgebäude, vor Kernbau mit Maschinenhaus von über 550 Meter Länge und vorgeschalteter niedrigerem Schaltanlagenvorbau, dahinter und überragend der helle Schwerbau, dahinter die formal markanten Ventilator-Kühltürme neben neuen Schornsteinen und Hochbauten für die Rauchgasentschwefelung. Rechts neben der Maschinenhalle mit den Maschinenblöcken A bis O räumlich getrennt und in eigener Formsprache die Blöcke P und Q von 1965-1970.
Foto: Thomas Schleper, 1/2024- 1952
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Wie dankbar ist man für Lichtblicke, die endlich im westdeutschen Braunkohlerevier auszumachen sind, dem Terrain der größten Dreckschleudern Europas. Mit der Pressekonferenz vom 30.1.2024 im 2021 abgeschalteten Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf, dem Anfang der 1970er weltweit größten seiner Art, tun sich neue Perspektiven für die Region, für die Kultur und für eine gelingende Transformation auf.
Eine der ersten und schmutzigsten unter den RWE-Kraftwerksgiganten war das ab 1952 errichtete Frimmersdorf. Zugleich ein energetischer Antreiber und Stabilisator des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders, karbontechnische Stütze der auf Elektrifizierung setzenden und auch insofern westeuropäisch vernetzten Bonner Republik, damit ebenso der nicht zuletzt auf wachsenden Konsum gegründeten Zustimmung zur jungen Demokratie samt „Sozialer Marktwirtschaft“. Frimmersdorf hatte mit seinen Turbos die im Verein der Großkraftwerke zeitweise weltweit stärksten 'Muskelpakete' zum Verfeuern der nahen Braunkohle. Das hinterließ auch Riesenkrater in der Landschaft, die noch vom All aus gut zu besichtigen sind.
Mit der Leitentscheidung zum vorzeitigen Ausstieg aus der Kohle bis 2030 geht es nicht nur Arbeitsplätze, die rasch zu ersetzten sind, um die sogenannte Energiewende sozialverträglich zu gestalten. Sich mit der lange kaschierten Dialektik von Wohlstandsversprechen und Umweltverbrechen zu beschäftigen war bereits Antrieb für zahlreiche, zunächst vergebliche Anläufe, das Thema Industrie-Kultur stärker als bisher als Faktor für die nicht nur im Rheinischen Revier bevorstehende „Transformation“ einzubringen. Denn diese benötigt ebenso mentale Kipppunkte, eine grundlegende Veränderung der Kultur des Wirtschaftens mit endlichen Ressourcen, kurzfristiger Konsummuster sowie herrschender Lebensstile und machtvoller Philosophien. Die von noch immer wachsenden CO2-Emissionen belastete Biosphäre ist bekanntlich so grenzenlos wie die epochalen Konsequenzen bei weitem die Periode gegenwärtiger Verantwortung transzendieren.
Gerade ein herkulisches Kraftwerk wie Frimmersdorf bietet authentische Anschauung fossiler Kraftmeierei in beeindruckender Monumentalität. Nun soll die Anlage für neue Funktionen ertüchtigt werden und wird tatsächlich zumindest zu Teilen unter Schutz gestellt. Sie lässt sich auch verbinden mit Dokumentationszentren, die sich zu einem Netzwerk der Regionalgeschichte(n) verknüpfen, um zurück, doch auch in die Zukunft zu schauen, bzw. über sie zu diskutieren. Denn unter der Regie der Landeregierung haben Politik, Wirtschaft und Kultur nach 25-monatigen Werkstattgesprächen und zahlreichen Expertisen zu einem Agreement gefunden, das den „Rohdiamanten“ Frimmersdorf in seiner technikhistorischen, baukulturellen und ökologischen Bedeutung für Bildung wie Tourismus erschließen hilft: Es entstehen unter maßgeblicher Beteiligung des Landschaftsverbandes Rheinland Foren für eine deliberative Öffentlichkeit, und zwar in Hausgemeinschaft mit digitalmoderner Hochtechnologie. Diese setzt auf 'neue Bodenschätze' wie nahe Starkstrom- und Glasfaserleitungen sowie Hyperscaler.
Mit der avisierten Ansiedlung eines NRW-IT-Campus und KI-gestützter Gewerbe wurde auf der PK Zukunftszuversicht und -fähigkeit demonstriert. Wenn nun laut zuständiger NRW-Ministerin Ina Scharrenbach „aus dem Kraftwerk eine Denkfabrik“ wird, darf man wohl auch an den 300. Geburtstag des großen Aufklärers Immanuel Kant erinnern und an den kategorischen Imperativ als Prüfstein und Wegweiser für eine auch weltbürgerliche Verantwortung vor Ort. In diesem Sinne steht der alte weiße Mann aus Königsberg für einen Königswegs des kommunikativen wie hoffentlich bald tatkräftigen Handelns, an dem sich die weitere Entwicklung der nun glücklich eröffneten Aussichten nicht nur für Frimmersdorf wird messen lassen. Der Kraftwerkskoloss verdient gerade im Kontext der Landratsämter und Kommunen euphorisierenden Ansiedlungspläne von Microsoft im Revier besondere Aufmerksamkeit. Er könnte sich als elektrisierende Ladestation erweisen: als Leuchtturm wie kritischer Begleiter für die Zukunft der Region und darüber hinaus, für eine neue Industriekultur - für eine positive Dialektik sich selbst aufklärender Moderne?
Mit dem Menschenkenner Kant wirkt die nötige Portion Skepsis wie eine Sicherung gegen voreiligen Überschwang und Überspannungen aller Art. „Greenwishing“? Insofern gilt nach Kant: Glücksfall als „Wetzstein der Tugend“.
Weiterführende Literatur und Links
- „Schutzumfang Kraftwerk Frimmersdorf II und vorgesehener Umgang mit dem Denkmalbestand (Ergebnis Werkstattverfahren 2022-2023)". Wird auf dem Internetportal der Kommune als PDF zum Download bereitgestellt - Link
- LVR-Kulturausschussvorlage 15/2272 mit der Anlage „Kraftwerk Frimmersdorf - „Vergangenheit trifft Zukunft“, Ergebnisse des Werkstattverfahrens, Grevenbroich, 30. Januar 2024.“ - Link
- Ebenso die Veröffentlichung der Kommune Grevenbroich zum Werkstattverfahren - Link