LVR-Freilichtmuseum Kommern
Melanie Lange, Moderne im Rheinland
- 1958
- Gesellschaft
- Kultur
- Landschaft
- Kommern
- Eifel
- Heimat
- Regionalentwicklung
- Erinnerungskultur
Das 1958 gegründete LVR-Freilichtmuseum Kommern sammelt, archiviert, hegt und stellt seit 1961 Alltagskultur des ländlichen Rheinlandes aus. In der Mittelgebirgsregion Eifel gelegen, wird man zu einer Zeitreise eingeladen, die eine Spanne weit vor der „Bonner Republik“ bis mitten in sie hinein umfasst.
Bei dem Wort „Museum“ assoziiert man herkömmlich ein Gebäude oder einen Gebäudekomplex, in dem Objekte zu einem bestimmten Thema oder Zeitraum gesammelt und ausgestellt werden. Zum spezifischen Profil eines Freilichtmuseums gehört es, dass deren Exponate ein wesentlich größeres Stück aus der Wirklichkeit herauszoomen und als Erinnerung bewahrende und Verstehen fördernde Vergangenheitspartikel prismiert werden. Im Fall des Freilichtmuseums Kommern werden demnach nicht nur 400 Jahre überdauernde Einrichtungsgegenstände und Werkzeuge in dazu geeigneten Räumen ausgestellt, sondern die Gebäude – in der Hauptsache original nachgebaute Fachwerkhäuser – bilden einen integralen Bestandteil des Präsentationskonzeptes, das noch einen entscheidenden Schritt weiter geht: Indem die Häuser zu „Baugruppen“ zusammengestellt werden und so einen markanten Ausschnitt des jeweiligen architektonischen Profils pointieren – gefächert in die Regionen Bergisches Land, Westerwald, Eifel und Niederrhein –, vermittelt das Miteinander der Außenbereiche und der detailgespickten, originalgetreuen Ausstattung der Innenräume dem Besucher in denkbar höchster Authentizität symptomatische Facetten der Lebens- und Arbeitswelt vergangener Jahrhunderte, was durch die Einbettung in die Landschaft die Anmutung einer dörflichen Atmosphäre einschließt. Mit anderen Worten: das dargebotene Ensemble aus Zeugnissen früherer Lebens- und Arbeitsformen bis auf die Ebenen Architektur und Topografie bewirkt, dass die Landschaft nicht nur zu einem Teil des Museums, vielmehr das Museum selbst zu einer Landschaftskapsel wird, in der Mensch und Natur in einem gewiss zu keiner Zeit problemlosen, wohl aber noch nicht einseitig ausbeuterischen, zerstörerischen Verhältnis zueinander stehen.
Auch der jüngsten Zeitgeschichte, das heißt einem Mosaikstein der „Bonner Republik“, ist in Gestalt der Baugruppe „Marktplatz Rheinland“1 – die sich zeitlich an die Dauerausstellung „WirRheinländer“2 anbindet – ein komplexes ‚Exponat‘ gewidmet. Einen maßgeblichen Reflexionspunkt bündelt hierbei die Fragestellung: Wie verändern sich der ländliche Raum und seine ihn bewohnenden und bewirtschaftenden Menschen durch eine allmähliche Anbindung an nicht nur verkehrstechnisch näher rückende Großstädte? Welche Auswirkungen hat die mediale Echtzeit-Anbindung der Provinz an das metropole Weltgeschehen auf das alltägliche, immer noch im Jahreszeitenrhythmus getaktete Dorfleben mitsamt dessen baulichem wie sozialem Inventar?
Substantive wie Heimat, Nostalgie, Vergänglichkeit, allen übergeordnet das Begriffspaar Erinnerung/Vergessen oder Verben wie bewahren, hüten, hegen, verlieren, wiederentdecken deklinieren resp. konjugieren die bildnerisch-narrative Gravitation des Freilichtmuseums. Es handelt sich allesamt um Begriffe, die auch im Hinblick auf unsere Auseinandersetzung mit der „Bonner Republik“ – in ihrer späteren, sich politisch wie gesellschaftlich konsolidierten Phase – eine bedeutsame Rolle spielen. Einen zäsurhaften, keineswegs ungefährdeten, aber sich dennoch durchsetzenden Abschnitt einer im Sog wirtschaftlicher Prosperität gedeihenden politischen und gesellschaftlichen Neuformierung sowie kulturellen Wiederbesinnung in prototypischen Eins-zu-Eins-Zeugnissen zur Anschauung bringen, versetzt Menschen, die in dieser Zeit gelebt haben, mitunter in die Lage, Momente der Vergangenheit auf eine Weise ‚wiederzuerleben‘, dass irgendein scheinbar belangloses Einrichtungsdetail (zum Beispiel ein Fünfziger-Jahre-Sofa, dem hinter der zeitverstaubten Außenansicht immer noch Abdrücke der einstmaligen Empfindung anhaften, dass man sich so etwas Schönes und Komfortables endlich wieder leisten konnte) sogar Erinnerungsimpulse auszulösen vermag, die sich einem ‚Nachhausekommen‘-Gefühl in der Manier Marcel Prousts anschmiegen. Ihm hat ja auf seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“ bekanntlich eine Madeleine3 genügt, um von seiner Kindheit in die Arme genommen zu werden, als wären es die seiner Mutter. Mit anderen, allgemeineren Worten: um Verlorengeglaubtes für Augenblicke wiederzufinden.
Weiterführende Literatur und Links
Fußnoten
- https://kommern.lvr.de/de/baugruppen/marktplatz_rheinland/marktplatz_rheinland_1.html
- https://kommern.lvr.de/de/ausstellungen/wirrheinlaender/wirrheinlaender_1.html
- Ein französisches Sandgebäck in der Form einer Jakobsmuschel.
- Zur Website des Freilichtmuseums - Link




