Rummelplatz
Werner Bräunig, 1949-1953
- 1948–1953
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- Bundeshauptstadt
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- Provisorium
„Sie kamen an die ersten Häuser der Stadt, und wie immer, wenn er in die Hauptstadt einzog, überkam Hollenkamp ein sehr seltsames Gefühl. Er hatte einen Nerv für die abenteuerliche Mopsigkeit dieses Städtchens, einen echten sense of humour, und es gab, von den Einheimischen abgesehen, wohl kaum jemand, der ihn nicht hatte. Es war einmal ein redlicher Marktflecken, in dem sich Füchse und Schafe gute Nacht sagten, Handel und Wandel gediehen erträglich, die Glocken läuteten an Sonn- und Feiertagen, und die Schnellzüge fuhren vorbei. Zweimal in dreißig Jahren kam einer über die Bürger des Fleckens, Gerechte wie Halbgerechte, das war ein Schnitter, und der hieß Tod, und so hätte man eigentlich zufrieden sein dürfen und seinen Erwerb nachgehen, seinen Krätzer trinken und sein Weib schwängern von Zeit zu Zeit, wenn nur die großen Züge nicht so herablassend getutet hätten und die Sprengel rechts und links sich so herausfordernd gemausert, und man hatte schließlich etwas aufzuweisen. Villenviertel und eine Universität und etliche Ruinen und hundertdreißigtausend Söhne und Töchter der Tiefebene und einen toten Tonsetzer namens Beethoven. Das ungefähr muss der Punkt gewesen sein, an dem sich ein paar unternehmende Köpfe der alten rheinischen Witze vom kleinen König entsannen. Der kam gern, und weil die Aula der pädagogischen Akademie gerade ungenutzt stand, kam auch der Deutsche Bundestag, Uniformierte kamen, und ein emsiges Bauen hub an, und dann kamen wirklich alle, alle, nur die Nutten kamen nicht, wie man bedauernd feststellte, aber das horizontale Gewerbe hat nun mal einen feinen Sinn fürs Reelle. Immerhin hielten nun die Züge, sogar in dem feinen kleinen Godesberg, und die heimelnde Schläfrigkeit wurde eine betriebsame, sogar in dem feinen kleinen Rhöndorf, und das ist, wie man aus den Schullesebüchern weiß, noch allemal der Anfang der Neuzeit. Wahrlich, dachte Hollenkamp, bei uns entscheiden nicht die Vorzüge, sondern die Einwände, wie sich der alte Rathenau ausdrückte, und das war, weiß Gott, ein kluger Mann.“1
Weiterführende Literatur und Links
Fußnoten
- aus: Werner Bräunig. Rummelplatz. Roman © Aufbau Verlage GmbH & Co. KG, Berlin 2007, 2008, S. 333/334.