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Mittwochgespräche

Melanie Lange, Moderne im Rheinland

Zu sehen ist auf der ersten Schwarz-Weiß-Fotografie das dichte Gedränge einer Menschenmenge vor dem Eingang zum in Großbuchstaben ausgezeichneten „WARTESAAL" des Kölner Hauptbahnhofes.

Ungebrochener Andrang. Alle wollen die Autoren des Rowohlt Verlages sehen. 150. Gespräch vom 07.10.1953.

Foto: Helga und Theo Scheerer; Historisches Archiv Stadt Köln, Best. 1431. Entnommen aus: Historisches Archiv der Stadt Köln (Hrsg.): Die Kölner Mittwochgespräche 1950-1956, Köln 1991, S. 25.
Diese Außenansicht ergänzend dokumentiert die zweite Schwarz-Weiß-Fotografie den bei den Mittwochgesprächen herrschenden großen Publikumsandrang innerhalb des Wartesaales, wo die Besucher ihre Aufmerksamkeit einem auf einem Kaminsims sitzenden, heftig gestikulierenden Mann zuwenden.

Ernst von Salomon auf dem Kaminsims im Wartesaal erster Klasse. Die Mittwochgespräche werden mit dieser Veranstaltung [44. Gespräch vom 17.10.1951] weit über die Grenzen Kölns bekannt.

Foto: Walter Dick; Historisches Archiv Stadt Köln, Best. 1431. Entnommen aus: Historisches Archiv der Stadt Köln (Hrsg.): Die Kölner Mittwochgespräche 1950-1956, Köln 1991, S. 77.
  • 1950–1956
  • Gesellschaft
  • Kultur
  • Köln
  • Demokratie
  • Diskussion
  • Grundsteine der Bonner Republik
  • Nachkriegszeit
  • Wiederaufbau

Die Mittwochgespräche im Kölner Hauptbahnhof haben vom 4. Dezember 1950 bis 4. Juli 1956 wöchentlich stattgefunden. Initiator und Organisator der Veranstaltungsreihe ist Gerhard Ludwig gewesen, der über Diskussionen und Streitgespräche Probleme und Thesen der deutschen Nachkriegsgesellschaft ins öffentliche Bewusstsein gebracht hat.

Die alltägliche Trümmer-Realität in Köln reicht bis in die 1950er Jahre. Erst 1953 beginnen die Bauarbeiten am stark zerstörten Kölner Hauptbahnhof, die 1957 mit dem Neubau der Empfangshalle abgeschlossen werden. Indem Gerhard Ludwig, der 1946 vor der Ruine des Bahnhofes zunächst ein Zeitungsgeschäft, 1949 innerhalb des Gebäudes eine Buchhandlung eröffnet, die Mittwochgespräche dort stattfinden lässt, mithin einen Verkehrsknotenpunkt als Plattform für ein Kommunikationsprisma wählt, trägt die besondere Atmosphäre der Lokalität zur Charakteristik der Gespräche bei.

Durch das Zusammenspiel von Presse und den im Vorfeld stattfindenden Zwiegesprächen zwischen Gerhard Ludwig und dem Schriftsteller Jakob Kneip entwickeln sich Idee und Bedürfnislage. Anfangs noch in der Buchhandlung abgehalten, weicht man aufgrund der ansteigenden Besucherzahlen alsbald in den Wartesaal 3. Klasse, später in den Wartesaal 1. Klasse aus. Schnell etabliert sich eine gleichbleibende Grundstruktur der Gespräche: Ein prägnanter, möglichst provokanter Expertenvortrag eines Gastes, gefolgt von einer explizit gewünschten offenen Diskussion einer betont heterogenen Besucher*innenschar (bis zu fast 1.000). Von keinem der insgesamt 265 stattgefundenen Gespräche in den 1950er Jahren wird eine endgültige Lösungsfindung der erörterten Themen erwartet. Stattdessen stechen Leitbegriffe wie freie Meinungsbildung und -äußerung, Reflexion, Austausch, Denkanstoß, Vermittlung hervor.

Dass diese Begriffe nicht als leere Floskeln jongliert werden, dafür zeugt z.B. das 44. Mittwochsgespräch am 17.10.1951: Eingeladen ist Ernst von Salomon – zu Zeiten der Weimarer Republik bekennender Rechtsterrorist, in der jungen „Bonner Republik“ Autor des biografischen Romans „Der Fragebogen“ (1951). „Die öffentliche Diskussion um Schuld und Verantwortung der Deutschen am Zweiten Weltkrieg erreichte an diesem Abend in Köln einen ihrer Höhepunkte: Nahezu die gesamte Presse der Bundesrepublik Deutschland ging auf dieses Ereignis ein.“1 resümiert die Publikation des Historischen Archivs der Stadt Köln 1991.
Folgerichtig festigt sich die Konzeptvorgabe „Freier Eintritt, freie Fragen, freie Antworten“ nicht bloß zu einem gefälligen Motto, sondern Mittwoch für Mittwoch zu spannender Realität. Da möglichst hierarchiefreie Diskussionen in der angloamerikanischen Tradition als bemerkenswerte Elemente einer demokratisch fundierten Kultur verstanden werden, dürfen sich die Mittwochgespräche des Wohlwollens der westlichen Alliierten sicher sein.

Der Bekanntheitsgrad der Gespräche reicht bis in die DDR, sowie über die Landesgrenzen hinweg. Die anhaltende Gravitation der Gespräche bis in unsere heutige Gegenwart zeigt sich u. a. an Namens- bzw. Konzeptanlehnungen wie z. B.: „Münchener Mittwochgespräche“, „Gespräche in Karlsruhe“, „Hamburger Bahnhofsgespräche“, „mittwochgespräche“ der Katholischen Kirche Düsseldorf.2

Weiterführende Literatur und Links

Fußnoten

  1. Historisches Archiv der Stadt Köln (Hrsg.): Die Kölner Mittwochgespräche 1950-1956, Köln 1991, S. 20.
  2. Historisches Archiv der Stadt Köln (Hrsg.): Die Kölner Mittwochgespräche 1950-1956, Köln 1991, S. 30, Fußnote 61.
  • Historisches Archiv der Stadt Köln (Hrsg.): Die Kölner Mittwochgespräche 1950-1956, Köln 1991.
  • Verheyen, Nina: Diskussionslust: Eine Kulturgeschichte des „besseren Arguments“ in Westdeutschland (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 193), Göttingen 2010, S. 213-223.

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