Das nationale Ehrenmal
Melanie Lange, Moderne im Rheinland
Das nationale Ehrenmal am 14. November 1964
Quelle: BArch, B 145 Bild-F019313-0010, Foto: Egon Steiner. Entnommen aus der Publikation: Kirschbaum, Jan Niko: Mahnmale als Zeitzeichen. Der Nationalsozialismus in der Erinnerungskultur Nordrhein-Westfalens (Public History – Angewandte Geschichte, Band 1), Bielefeld 2020, S. 187.- 1964
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- Erinnerungskultur
- Grundsteine der Bonner Republik
- Verlorene Orte
Der Entstehungsverlauf und die weitere Geschichte des am 16. Juni 1964 eingeweihten nationalen Ehrenmals am Akademischen Kunstmuseum im Hofgarten Bonn stellen ein symptomatisches Zeugnis des ambivalenten Charakters der Erinnerungskultur in der Bonner Republik dar.
Es darf davon ausgegangen werden, dass die Errichtung der Gedenkstätte „Neue Wache“ – „Opfer des Faschismus und des Militarismus“ (ein Schinkelbau) in Ost-Berlin im Jahr 1960 ein maßgeblicher Auslöser dafür gewesen ist, dass auf bundesrepublikanischer Seite eine analoge Gedenkstätte auf die Agenda notwendiger Vergangenheitsreferenzen gesetzt wird. 1
Vier Jahre dauert es, bis die Idee eines nationalen Ehrenmals für die Bundesrepublik Deutschland in Form einer schlichten Bronzeplatte realisiert wird. Die Tatsache, dass Konrad Adenauer anfangs zu den Anregern eines nationalen Ehrenmals gehört – um ihm fortan keine weitere Aufmerksamkeit mehr zu widmen –, wirft ein ebenso bezeichnendes Licht auf die Zwiespältigkeit des Unternehmens wie die ausgeprägten Distanzierungsbestrebungen, deren sich das Bundesinnenministerium, das Verteidigungsministerium, Bundespräsidialamt, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK), der Ring Deutscher Soldaten, die Stadt und die Universität Bonn befleißigen. Wie schwer sich die Bonner Republik mit einer angemessenen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg tut, zeigt sich am deutlichsten am gleichsam odysseischen Hin und Her der Inschriftauswahl, sprich der Entscheidung, wer primär geehrt wird. „Opfer der Gewaltherrschaft“, „Den Toten beider Weltkriege“ (BMI und VDK), „Den Opfern des Krieges und der Verfolgung“ (Stadt Bonn, Bundespräsidialamt), „Den Opfern der beiden Weltkriege und den Opfern der Unmenschlichkeit“ (Kompromissvorschlag), „Den Toten der beiden Weltkriege und den Opfern der Gewaltherrschaft“ (Stadt Bonn) lautet der Findungsreigen, an dessen Ende „Den Opfern der Kriege und der Gewaltherrschaft“ steht, was einem ideologiegefilterten Synonym des Namens der ostdeutschen Gedenkstätte gleichkommt. Dass das Ehrenmal bei seiner Einweihung in einem politischen Impromptu den Opfern des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 gewidmet wird, kommt einer geradezu abstrusen Dedikationsvolte gleich. Dass es in der Folge am Bonner Nordfriedhof strandet, die Bronzeplatte nach deren Diebstahl 2017 durch eine noch gravitationsärmere Platte aus Eifelsandstein ersetzt und seine Nutzung zu keinem Zeitpunkt über die Funktion einer Kranzniederlegungsstätte für ausländische Staatsgäste hinauskommt, unterstreicht, wie abwendungsorientiert und gleich einem Alibi das Verhältnis der freiheitlich demokratischen Wirtschaftswundergesellschaft samt ihrer Nachfahren zu ihrer jüngsten, die bisherige Geschichte verdunkelnden Vergangenheit de facto beschaffen ist.
Jan Niko Kirschbaum beschreibt detailliert die politischen Parameter, die das nationale Ehrenmal mit negativen Vorzeichen versehen:
„Es kann also schwerlich von einer Akzeptanz des nationalen Ehrenmals in Bonn gesprochen werden. Seine Entstehungsgeschichte ist von externen erinnerungspolitischen Ereignissen […], aber auch von der Abwehr einer öffentlichen Auseinandersetzung geprägt. Lange versuchte die Bundesregierung, letztendlich mit Erfolg, nicht selbst als Stifterin in Erscheinung zu treten, sondern wälzte diese Verantwortung auf die Stadt und die Universität ab. Beide Institutionen zeigten sich wenig begeistert davon und verhinderten die präferierten Standorte der Bundesregierung. Diese musste sich aber nicht nur mit Universität und der Stadt, sondern auch den eher unerwünschten Soldatenvertretern und dem provisorischen Charakter der Bundeshauptstadt auseinandersetzen. […] Beim Bundestag stieß das nationale Ehrenmal auf wenig Interesse, am Ende wurde es von der Öffentlichkeit fast unbemerkt eingeweiht und die Bedeutung verschob sich im Einweihungsakt von den Gefallenen und den Verfolgten des Nationalsozialismus zu den Opfern des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953.“2
Weiterführende Literatur und Links
Fußnoten
- „Unter dem Titel ‚Ein Schinkel-Bau als Gefallenen-Ehrenmal des deutschen Volkes‘ beschrieb er (Erich Röhlke) das aktuelle Gedenken am Volkstrauertag in Bonn, berichtete von der ‚Alten Wache‘ (sic!) in Berlin und beklagte, dass die Bundesrepublik als einziges Kulturland der Erde nicht über ein Ehrenmal verfüge.“ Kirschbaum, Jan Niko: Mahnmale als Zeitzeichen. Der Nationalsozialismus in der Erinnerungskultur Nordrhein-Westfalens (Public History – Angewandte Geschichte, Band 1), Bielefeld 2020, S. 198.
- Kirschbaum, Jan Niko: Mahnmale als Zeitzeichen. Der Nationalsozialismus in der Erinnerungskultur Nordrhein-Westfalens (Public History – Angewandte Geschichte, Band 1), Bielefeld 2020, S. 212/213.
- Kirschbaum, Jan Niko: Mahnmale als Zeitzeichen. Der Nationalsozialismus in der Erinnerungskultur Nordrhein-Westfalens (Public History – Angewandte Geschichte, Band 1), Bielefeld 2020.