Das Porträt der Stadt Bonn
Walter Henkels, 1961
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„Eine Betrachtung über die Bundeshauptstadt Bonn sollte man nicht mit einem dummen Scherz beginnen. Aber einer jener 133 neuen Bundestagsabgeordneten, die am 17. September 1961 in den vierten Deutschen Bundestag gewählt wurden, erlebte bei seinem ersten Besuch in Bonn dies: Der Taxifahrer, ein Witzbold offenbar, erzählte ihm auf der Fahrt zum Bundeshaus in der Görresstraße frank und frei, er halte nicht viel von den Parlamentariern; die letzte gute Nachricht aus Bonn, so fügte er hinzu, sei die von der Geburt Beethovens gewesen. Als der Abgeordnete, am Bundeshaus angekommen, den Fahrer fragte, weshalb er einige Umwegstraßen gefahren sei, gab der ungerührt zu, die Stadt Bonn habe so viele Straßen zu Einbahnstraßen gemacht, um den Fremden klarzumachen, daß Bonn gar nicht so klein sei, wie es immer heiße, Bonn solle als große Stadt erscheinen.
Es ist verständlich, daß sich die Gesichtszüge der alten Bonner, zumal des Oberbürgermeisters und des Oberstadtdirektors, verdüstern, wenn ihnen einer mit solchen Scherzen kommt. Dann nehmen ihre Gesichter meist einen strengen und bärbeißigen Ausdruck an. Und wenn dann noch das Wort vom „Bundesdorf" fällt, dann pflegen sie etwas mitleidig zu sagen, die Herren, vor allem jene 350 Journalisten aus aller Welt, die in der Bundeshauptstadt wohnen und zu solchen Apostrophierungen gelegentlich neigen, befänden sich in einem Engpaß ihrer Einfälle.
Nun, niemand weiß es besser als die Bonner selber, daß auf ihrer Bundeshauptstadt einige Hypotheken lasten. Bonn ist eine Hauptstadt und keine Weltkapitale. Wer auf den Venusberg steigt, in dem nicht die Tannhäusersage spielt, sondern auf dem die modernen Kliniken der Universität und ein modernes Wohnviertel mit dem Privathaus des Bundespräsidenten Lübke liegen, sieht ein Stadtgebilde, das seinen Stadtkern längst gesprengt hat. Der Wald, der früher vom Venusberg und vom Kottenforst in die Stadt wuchs, ist von den neuen Siedlungen fast völlig verdrängt. Die Stadt wächst in den Wald. Sie ist, wie heute fast alle Städte, aus der Vogelperspektive in ihrem Typ nichts Vollkommenes, und sie geht auch des Eindrucks verlustig, in ihrer Bauplanung etwas Harmonisches zu sein. Im alten Bonn machen die kurfürstlichen Bauten, das Schloß Poppelsdorf mit der Universität, und die neue Rheinfront vom Bundeshaus im Süden bis zur neuen Beethovenhalle im Norden – vom gegenüberliegenden Beuel aus gesehen – in der Gesamtarchitektur einen schönen Eindruck. […]
Im Sommer 1948 schlug die Landesregierung des Landes Nordrhein-Westfalen im engsten Einvernehmen mit der Bonner Stadtverwaltung Bonn zum Tagungsort für den Parlamentarischen Rat vor, der das Grundgesetz für die künftige Bundesrepublik zu beraten und zu verabschieden hatte. Am 10. Mai 1949, am Schluß seiner Beratungen, bestimmte zunächst dieser Parlamentarische Rat, ein halbes Jahr danach, am 3. November, unter dramatischen Umständen auch das erste Parlament der Bundesrepublik, der Bundestag, mit knapper Mehrheit (200 gegen 176 Stimmen bei 3 Enthaltungen) Bonn zur vorläufigen Bundeshauptstadt. So war Bonn in den Sattel der „Bundeshauptstadt“ gehoben. Unter ermunternden und anfeuernden Schnalzlauten schwang es sich in den Sattel, das Reiten, sagte man ihm, werde es schon lernen. Bonn war mit der Bekundung von sehr viel Zweckoptimismus und Idealismus in den Sattel gestiegen. Aber es dauerte kaum zwei, drei Jahre, da hatte man den Eindruck, daß das Pferd mit dem Reiter davonlief. Nach der Wahl zur Bundeshauptstadt überschlugen damals die Bonner den tiefwirkenden Tatbestand; die große materielle und ideelle Chance, die sich für die etwas provinzielle Garten- und Universitätsstadt am Fuße des Siebengebirges abzeichnete, haben die Kommunalpolitiker tüchtig zu nutzen versucht. Sie wußten, was es hieß, Bonn zum politischen Nabel der Bundesrepublik zu machen. […]“1
Weiterführende Literatur und Links
Fußnoten
- Henkels, Walter: Das Porträt der Stadt Bonn, 1961. In: Neues Rheinland, Heft 23, Dez.1961/Jan.1962, S. 27/28.