Alle Spuren

Werner Bräunig: „Rummelplatz“

Melanie Lange, Moderne im Rheinland

Zu sehen ist ein Buchcover, in dessen Mitte Autor und Titel gesetzt sind. Der fast nur als rückseitige Silhouette zu erkennende Mann, der in einer Mischung aus einer Figur Samuel Be-cketts und Alberto Giacomettis über den leeren Platz schreitet, lädt dazu ein, an die Einsamkeit zu denken, die den Autor in der ihn umgebenden Kulturlandschaft heimgesucht hat.

Cover der Publikation des Aufbau TB-Verlages aus dem Jahr 2008

© Gestaltung capa Design, Anke Fesel unter Verwendung eines Fotos von Andreas Trogisch/bobsairport
  • 1948–1953
  • Gesellschaft
  • Politik
  • Kultur
  • außerhalb NRWs
  • Bonn
  • DDR
  • Literatur

Der Roman „Rummelplatz“ von Werner Bräunig wird 1965 in der DDR verboten. Trotz der Möglichkeit, ihn in der BRD zu veröffentlichen, entscheidet sich der vom Sozialismus vorerst überzeugte Autor dagegen. 2007 wird das Fragment gebliebene und redigierte Manuskript schließlich posthum im wiedervereinigten Deutschland publiziert.

Die im Zeitraum von 1948 bis 1953 angelegte Romanhandlung ist auf zwei Schauplätze fokussiert: Zum einen auf die DDR, konkret auf die bedeutendste Bergwerkregion für Kohle und Uran in Wismut und die dortige Produktionsstätte einer Papierfabrik, zum zweiten auf die Bundesrepublik Deutschland, avisiert als wieder rasant erstarkende Wirtschaftsmacht und demokratisch firmierende Gesellschaftsform. Geleitet von gewachsenen Überzeugungen schildert Bräunig in erstaunlicher Unverblümtheit – ein erstes öffentlich vorgetragenes Kapitel genügt der SED als Anstoß für ein 31-jähriges Veröffentlichungsverbot – die von gravierenden Missständen geprägte Mangelwirtschaft der Nachkriegs-DDR, und lässt zugleich keinen Zweifel daran, dass der sozialistische Weg zum zunächst bloß in Worten geflaggten Ziel einer gerechteren Gesellschaft führen wird. Nicht minder kompromisslos, luzide und einfühlsam schildert Bräunig den Janus-Charakter der augenfällig aufblühenden BRD. Das kommt in der Charakterisierung der neuen Bundeshauptstadt Bonn (ein sublim analytisches Kleinod der Deskription), ebenso zum Ausdruck wie in den auf den beiderseits der Mauer betriebenen Wiederaufbau gemünzten Schlussstrichworten:

„In der Fachsprache heißt das Übergangsperiode. Damit ist gemeint: Parolen statt Realitäten, Reden vom Schwung statt Schwung, die Fachleute werden ersetzt durch Funktionäre. Und die vielen Fahnen sind, damit die Leute sich ans Aufbauschen gewöhnen. Was habe ich verloren hier, in diesen beiden Städten Berlin, diesen zwei Ländern Deutschland, denen es wieder besser geht, die ihr Parteiengezänk wiederhaben und Ansprüche anmelden, in denen es aufwärtsgeht, aber nicht vorwärts? Wir sind geschiedene Leute.“1

Werner Bräunigs Roman „Rummelplatz“ ist die vorbehaltlose Wahrheitssuche eines ‚idealistischen Kommunisten‘ im real erstehenden Sozialismus der Deutschen Demokratischen Republik, die diesseits ihrer Mauer niemand zeit seines Lebens lesen darf und jenseits niemand lesen kann.

Weiterführende Literatur und Links

Fußnoten

  1. Bräunig, Werner: Rummelplatz, Berlin 2007, S. 472.

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