Das Wunder von Bern
Melanie Lange, Moderne im Rheinland
Fritz Walter mit WM-Pokal 1954
Foto: Imago // https://www.dfb.de/maenner-nationalmannschaft/turniere/weltmeisterschaften/wm-geschichte/die-wm-1954/- 1954
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Das Jahr 1954 teilt die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft in zwei ungleiche Abschnitte: in die Zeit vor dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft und in die Zeit danach. Ein jenseits jeder Erwartungsmöglichkeit liegender sportlicher Erfolg wird zum Ferment eines sich aufrichtenden nationalen Selbstbewusstseins und integrativen Gemeinschaftsgefühls.
1954 zeichnen sich in der Bundesrepublik Deutschland die ersten Erfolgskurven einer wiedererstarkenden Wirtschaft ab. Die Sicherung eines nicht mehr länger akut gefährdeten Subsistenzminimums mit Partikeln eines sich anbahnenden Wohlstandes breitet sich Schritt für Schritt aus. Was eine stetige Besserung der materiellen Lage für immer mehr Bürger*innen jedoch nicht, oder bloß in zu geringem und bedrückend langsamem Maße zu leisten vermag, ist nach zwei desaströsen, erschreckend schuldbeladenen Weltkriegen das Emporkeimen einer positiv verankerten gesellschaftlichen Identität, wobei zehn Millionen Vertriebene das Heranwachsen eines organischen Gemeinschaftsgefühls noch zusätzlich erschweren.
Fußball ist unumstritten der Lieblingssport der Deutschen. Bis 1954 wird er notgedrungen als nationale Angelegenheit betrieben. Erst in diesem Jahr darf eine deutsche Nationalmannschaft wieder die fußballerische Weltbühne betreten. Als kaum zu überbietender Außenseiter übersteht sie trotz einer deutlichen, durch den Verzicht auf einige Stammspieler etwas abgefederten 3:8 Niederlage gegen die damalige Ausnahmemannschaft Ungarn die Vorrunde. Und findet sich schließlich im Endspiel eben gegen die besagte „Goldene Elf“ Ungarns wieder, um den Platz als phänomenal überraschender Sieger zu verlassen.
‚Grenzenloser Jubel‘ gehört zu den stets bemühten Phrasen, wenn nach einem herausragend freudigen Anlass angemessenen Worten vergeblich gesucht wird. Im Fall des bundesrepublikanischen Fußballweltmeistertitels spiegelt sie jedoch eine zweifache Substanz wider. Denn die durch ihn ausgelöste Begeisterung ist derart groß und nahezu jeden mitreißend, dass so manche Vergangenheitslasten ebenso überstrahlt wie gesellschaftlich markierte Grenzen zwar nicht aus dem Stehgreif eingerissen, wohl aber vom entfachten Enthusiasmus des unvermuteten Sieges außer Kraft gesetzt werden, oder um es boulevardhaft zu paraphrasieren: ‚Ganz Deutschland liegt sich in den Armen. WIR sind Weltmeister.‘ Irisiert der erstmalige mondiale Titelgewinn in den 1950er und 1960er Jahren eine Aura abrupter Identitäts- und Zugehörigkeitsakzente, vollbracht ausnahmsweise von Männern in kurzen Hosen, erlangt das Fußballereignis im Lauf der weiteren Jahre sogar als „Das Wunder von Bern“ Legendenstatus.
Die „Bonner Republik“ als politischer Weichensteller und fokussierendes Synonym der Bundesrepublik Deutschland darf diese emotionale Rückgratgewinnung nicht zu den eigenen Meriten zählen. Wohl aber scheinen die Wege des Zufalls unergründlich, wenn der niederrheinische Patriarch Konrad Adenauer und der oberrheinische Nationaltrainer Sepp Herberger zwei volkstümliche Vaterfiguren verkörpern, wie sie brüderlicher schwerlich vorstellbar sind.