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Das Treibhaus

Wolfgang Koeppen, 1953

  • 1953
  • Gesellschaft
  • Kultur
  • Bonn
  • Zitat
  • Bundeshauptstadt

„Er kam an Baustellen vorüber. Man werkte über den Feierabend. Die Regierung baute, die Ämter bauten, die Bauaufsichtsbehörde baute, der Bund und die Länder errichteten Repräsentationshäuser, fremde Gesandtschaften mauerten sich hoch, Kartelle, Industrieverbände, Bankvereine, Ölgesellschaften, Stahlgewerke, Kohlenkontore, Elektrizitätswerke stellten hier ihre Verwaltungsgebäude hin, als brauchten sie in der Regierungssonne keine Steuern zu zahlen, Versicherungsgesellschaften stockten auf und bauten vor, und Versicherungsgesellschaften, bei denen sich Versicherer für den Versicherungsfall versicherten, konnten nicht Räume genug finden, ihre Policen zu verwahren, ihre Anwälte unterzubringen, ihre Lebenserwartungsstatistiker zu beherbergen, ihre Gewinne zu verputzen, ihren Reichtum zu zeigen. Alle wollten sie so schnell wie nur möglich in Regierungsnähe unter Dach kommen; es war, als fürchteten sie, die Regierung könne ihnen davonlaufen, würde eines Tages nicht mehr da sein, und in ihren schönen neuen Häusern sollte das Grauen wohnen. Lebte Keetenheuve in einer neuen Gründerzeit? Es war eine untergründige, eine hintergründige, eine begründet grundlose Zeit auf flüchtigem Sande habt ihr gebaut. […]
Keetenheuve nahm ein Taxi. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Er musste heimfahren. Heim in die Puppenstube. Heim in das Getto. Heim in das Regierungsgetto, in das Getto der Abgeordneten, in das Getto der Journalisten, das Getto der Beamten, das Getto der Sekretärinnen. Es blitzte und donnerte. Der Blitz zuckte durch die abgestandene Luft in der Puppenstube, der Gettostube des Abgeordneten. […]
Jedes Getto war von unsichtbaren Mauern umzogen und lag zugleich offen da, zur Schau gestellt jedem Überblick und jedem Einblick. Keetenheuve dachte: Getto der Hitler und Himmler, Getto der Verschleppten und Getto der Gejagten, die Mauern, der Wall, die Verbrennungsöfen von Treblinka, der Aufstand der Juden in Warschau, alle Lager des Nachkriegs, jede Baracke die uns angeht, alle Nissenhütten, alle Bunker, alle Vertriebenen und alle Geflohenen – die Regierung, das Parlament, die Beamten und der Tross, wir sind ein Fremdkörper im trägen Fleisch unserer Hauptstadt.“
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Weiterführende Literatur und Links

Fußnoten

  1. Textauszüge aus: Wolfgang Koeppen, Das Treibhaus. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1953. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag AG, Berlin, S. 122/123 und S. 153-155. Die Seitenangaben zum Zitat beziehen sich auf folgende Ausgabe: Koeppen, Wolfgang: Das Treibhaus (Text und Kommentar, Suhrkamp BasisBibliothek), Frankfurt am Main 2006.

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