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Mein deutsches Dschungelbuch

Wladimier Kaminer, 2003

  • 2003
  • Kultur
  • Gesellschaft
  • Bonn
  • Berlin
  • Zitat
  • Bundeshauptstadt
  • Hauptstadtdebatte
  • Literatur

»Wollen Sie nicht mal einen Kriminalroman schreiben?«, fragte er mich.
»Ich bin im Moment zu sehr mit meinen Reisen beschäftigt und arbeite an einem so genannten ›Deutschen Dschungelbuch‹, einer Studie über das Land und die Menschen hier. Keine Zeit also für Krimis«, entschuldigte ich mich. »Morgen, zum Beispiel, muss ich nach Bonn.«
»Bonn?«, wunderte sich der Buchhändler, »ich dachte, alle Bonner sind längst in Berlin. Da sind wahrscheinlich nur ein paar Arbeitslose übrig geblieben.«

Am nächsten Morgen im Zug zweifelte auch ich ein wenig an Bonn. Die ehemalige deutsche Hauptstadt musste bestimmt einen großen Teil der Bevölkerung durch den Regierungsumzug eingebüßt haben, unter anderem viele potenzielle Zuhörer. Ob überhaupt noch welche da waren? Und ob sie abends zur Lesung kamen?

Doch schon am Bonner Bahnhof herrschte ein lustiges Durcheinander. Eine Armee von Mädchen überschwemmte die Bahnsteige: Mädchen mit Rucksäcken, mit einem Brötchen oder einer Wurst ist der Hand, dicke und dünne, große und kleine Mädchen liefen und standen herum. Wäre ich ein Maler mit Ideen, wie Rembrandt zum Beispiel, dann hätte ich bestimmt meine Staffelei mitten auf dem Bahnhof aufgestellt. Als Schriftsteller holte ich nur meine Bahnfahrkarte aus der Tasche und notierte auf der Rückseite: »Bonn – eine Mädchenstadt«. Ist zwar Quatsch, aber wer weiß, vielleicht wird mir diese Information bei irgendeiner Geschichte helfen, dachte ich unterwegs zum Hotel.
An dem Tag sollte ich im Bonner Pantheon auf Einladung eines begabten jungen Autors namens Jess zusammen mit zwei lokalen Matadoren die Leserunde bestreiten. Wir trafen uns im Hotel, und Jess beruhigte mich: Die Veranstaltung sei bereits ausverkauft.

»Die Regierung ist nicht ganz nach Berlin gezogen, viele Beamte sind weiterhin in der Ex-Hauptstadt geblieben, also definitiv keine Arbeitslosigkeit in Bonn.«
Ich erzählte ihm von den vielen Mädchen am Bahnhof.
»Siehst du«, meinte Jess, »das Leben brummt hier immer weiter. Ein Bahnhof ist für eine Stadt sowieso viel wichtiger als eine Regierung. Erst wenn der Bonner Bahnhof auch noch nach Berlin umzieht, wird die Stadt schließen müssen«.1

Weiterführende Literatur und Links

Fußnoten

  1. Wladimir Kaminer: Mein deutsches Dschungelbuch, München 2003, S. 250-251.

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