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Die Goldenen Zitronen: „Das war unsere BRD“

Angelika Gwóźdź, Moderne im Rheinland

Eine Collage aus Videostills. In der Mitte prangt der handgemalte Schriftzug "BRD".

Collage aus Videostills aus dem Musikvideo "Das war unsere BRD" (2019) der Goldenen Zitronen, unter der Regie von Ariane Andereggen und Ted Gaier.

Videostill: Ariane Andereggen, Ted Gaier, 2019.
  • 2019
  • Medien
  • Kultur
  • außerhalb NRWs
  • Musik
  • Popkultur
  • Subkultur

Die Goldenen Zitronen gelten als Vorläufer der „Hamburger Schule“, einer Generation von gesellschaftskritischen Popmusiker*innen in den 1990er Jahren, die die absurden Texte der Neuen Deutschen Welle (NDW) intellektualisierten. Ihr biografisches Musikvideo „Das war unsere BRD“ greift in den Erinnerungsraum der Bonner Republik ein.

Die Goldenen Zitronen (1984 gegründet) vertraten bei einem begleitenden Konzert zur Erinnerungsausstellung „Geniale Dilletanten“1 2015 im Haus der Kunst in München die Generation jener Künstler*innen, die in der Übergangszeit zur Helmut-Kohl-Ära sowohl die Punk- als auch Kunstszene durcheinanderwirbelten. Sie trafen erstmals 1981 zum Festival „Geniale Dilletanten [!sic]“ in Berlin zusammen, zu dem Die tödliche Doris eingeladen hatte. Der einst belächelte Dilettantismus ist also längst im Musealen angekommen. Auch die Zitronen sind als sogenannte „Poly-Artists“2 nur in der Kombination von Musik, Text, Outfit, Performance und Bildmedium in ihrer Gesamtheit erfahrbar. In ihren Texten rechnen die Goldenen Zitronen mit allem ab, was sie als Jugendliche in den 1980er Jahren, der Endphase der Bonner Republik, beschäftigte: Politik(er*innen), deutschnationale Identität, Konservatismus, Provinzialität, Ewiggestriges, kommerzielle Popkultur und Massenmedien.

Das Video zu „Das war unsere BRD“ (2019, 09:30 Min., Regie von Ariane Andereggen und Ted Gaier) kann als zeitgenössisches Punkvideo, als Hybrid aus Kunst- und Musikvideo bezeichnet werden.3 „Das war unsere BRD, Unsere weiße BRD […] Unsere brutalismo BRD, Unsere braune BRD, Die verhasste BRD […] Unsere graue BRD […] Nostalgisch verklärte BRD“, singt der heute 60-jährige Schorsch Kamerun zu einem simulierten Retroklang früher NDW.
Bilder eines grauen, kahlen Hamburgs von heute werden neben dokumentarische Aufnahmen einer politisierten Jugend aus den Privatarchiven von Weggefährt*innen der Zitronen gestellt, die aus der ganzen Bundesrepublik kommen. So finden sich in diesem audiovisuellen Fotoalbum neben Hamburg auch ein Stück Ostwestfalen (Jochen Distelmeyer/ Blumfeld)4 , ein Stück Bergisches Land (Robert Drakoginannakis/ Angelika Express), ein wenig Rheinland (Campino/ Die Toten Hosen).

Die gezeigten Relikte der Moderne und des Fortschritts sind heute verblasst und marode. Der Alterungsprozess macht vor Erinnerungen an eine schrille Jugend nicht halt, ihre Rekonstruktion wird gestört wie das Flimmern der alten Super-8-Filme. Und bevor man der Nostalgie verfällt, stellt man fest: Früher war es nicht besser, ist es heute aber auch nicht.

Weiterführende Literatur und Links

Fußnoten

  1. Die Ausstellung „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland“ fand am 26.06. bis 11.10.2015 statt. Siehe dazu https://www.hausderkunst.de/eintauchen/geniale-dilletanten-subculture-in-germany-in-the-1980s
  2. Peter Frank: Performance Art in New York. Approaching the Eighties. In: Performing Arts Journal, Vol.4 Nr. 1/2, The American Imagination. A Decade of Contemplation (Mai 1979), S. 125-128, hier S. 126.
  3. Zu den Charakteristiken des Punkvideos siehe: Angelika Gwozdz: Punk on Video. Synergien zwischen Musik, Videokunst und Subkultur. In: Renate Buschmann/Jessica Nitsche, Video Visionen. Bielefeld 2020, S. 59-92.
  4. Ostwestfalen ist sogar als zweiter Schauplatz der Hamburger Schule bekannt. Musiker*innen aus Hamburg und Ostwestfalen standen in ständigem Austausch.
  • Das Video "Das war unsere BRD" ist in voller Länger auf auf Youtube verfügbar. - Link
  • Die Geschichte der Band Die Goldenen Zitronen kann auf ihrer Website hervorragend nachgelesen werden. - Link
  • Zur Geschichte der „Hamburger Schule“ und der Analogie zur Frankfurter Schule siehe Björn Fischer: Tocotronic, Blumfeld, Die Sterne. Die Texte der Hamburger Schule. Hamburg 2005.
  • Moritz Baßler, Walter Gödden, Jochen Grywatsch, Christina Riesenweber (Hg.): Stadt.Land.Pop – Popmusik zwischen westfälischer Provinz und Hamburger Schule. Aisthesis, Bielefeld 2008.
  • Martin Daßinnies: Die Goldenen Zitronen: Das war unsere BRD. In: Kinofenster, veröffentlicht am 18.09.2020. - Link
  • Leonhard Emmerling/Mathilde Weh (Hg.): Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland. Ostfildern 2015.
  • Schorsch Kamerun: Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens, Berlin 2017.
  • Simon Reynolds: Retromania. Pop Culture's Addiction to its own past. London 2011.