Eine kleine Stadt in Deutschland
John Le Carré, 1968
- 1968
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- Regierungsviertel
„Allein die Wahl Bonns als Wartesaal für Berlin war immer schon eine Ungereimtheit, jetzt ist sie ein Mißbrauch. Wohl kein anderes Volk als die Deutschen hätte es fertiggebracht, einen Kanzler zu wählen und ihm dann die Hauptstadt vor die Tür zu bringen. Um Unterkünfte für die zuziehenden Diplomaten, Politiker und Regierungsbeamten (die diese unerwartete Ehrung mit sich brachte) zu schaffen, und auch um sie in einer gewissen Entfernung zu halten, haben die Bonner eine ganze Vorstadt außerhalb der Stadtmauern gebaut. Durch deren südlichen Teil versuchte sich jetzt der Verkehr hindurchzuwinden: ein Wirrwarr von schwerfälligen Türmen und niedrigen, modernen Behausungen, die sich die zweispurige Fahrstraße entlangzogen, fast bis zu der freundlichen Sanatoriumssiedlung Bad Godesberg, deren Hauptindustrie einst die Abfüllung von Selterswasser war und heute die Diplomatie ist. Wohl gestattete Bonn, daß einige Ministerien in der Stadt selbst ihr imitiertes Mauerwerk den kopfsteingepflasterten Höfen zugesellten; es stimmt auch, daß einige Botschaften in Bad Godesberg sind, aber der Sitz der Bundesregierung und der großen Mehrheit der rund neunzig bei ihr akkreditierten Auslandsvertretungen, ganz zu schweigen von den Lobbyisten, der Presse, den politischen Parteien, den Flüchtlingsorganisationen; den offiziellen Residenzen der Würdenträger der Bundesländer, dem Kuratorium Unteilbares Deutschland und dem ganzen bürokratischen Überbau der provisorischen Hauptstadt Westdeutschlands, befindet sich zu beiden Seiten dieser einen Straße, dieser Schlagader zwischen dem früheren Sitz des Bischofs von Köln und den wilhelminischen Villen eines rheinischen Badeortes.
Mit diesem unnatürlichen Haupt-Dorf, diesem Insel-Staat, dem sowohl politische Identität als auch ein gesellschaftliches Hinterland fehlt und der sich auf Dauer zum Provisorium verpflichtet hat, ist die Britische Botschaft untrennbar verbunden. Man stelle sich den stillosen Gebäudeblock einer Fabrik vor, der sich nach und nach wuchernd ausgebreitet hat, die Art von Bauwerk, die man zu Dutzenden an Londons Westumfahrung sieht, gewöhnlich mit dem Symbol ihres Produkts auf dem Dach, man male darüber einen trüben rheinischen Himmel, füge eine undefinierbare Andeutung von Nazi-Architektur hinzu, nur einen Hauch, nicht mehr, und errichte auf dem freien Feld dahinter zwei verwitterte Fußballtore zur Erholung für Ungewaschene, und man hat mit ziemlicher Genauigkeit Geist und Stärke Englands in der Bundesrepublik porträtiert. Mit einem weit ausgestreckten Flügel hält es die Vergangenheit nieder, mit einem zweiten glättet es die Gegenwart, während ein drittes Glied ängstlich die feuchte rheinische Erde durchwühlt, auf der Suche nach der verborgenen Zukunft. Errichtet, während die Besetzung ihrem frühzeitigen Ende entgegenging, spiegelt das Botschaftsgebäude genau jene tölpische Selbstverleugnung: ein steinernes Gesicht blickt den früheren Feind an, ein graues Lächeln gilt dem gegenwärtigen Verbündeten. Als sie schließlich durch das Tor der Botschaft kamen, lag zu Corks Linken das Hauptquartier des Roten Kreuzes, zu seiner Rechten eine Mercedes-Fabrik, hinter ihm, jenseits der Straße, die Baracke der Sozialdemokraten und ein Coca-Cola-Depot. Die Botschaft ist von dieser unwahrscheinlichen Nachbarschaft durch einen Streifen mit Sauerampfer und nacktem Lehm bedeckten Brachlandes abgeschnitten, das flach zum verwahrlosten Rhein abfällt. Dieses Gelände ist als Bonns Grüngürtel bekannt und Gegenstand großen Stolzes der Stadtplaner. [...]
Vielleicht werden sie eines Tages alle nach Berlin übersiedeln; von dieser Möglichkeit wird sogar in Bonn gelegentlich gesprochen. Vielleicht wird eines Tages das ganze graue Gebirge über die Autobahn davonschlüpfen und sich in aller Stille auf den feuchten Parkplätzen vor dem ausgebrannten Reichstag niederlassen. Bis das geschieht, werden diese Betonzelte nicht abgebrochen, direkt provisorisch aus Achtung vor dem Traum, diskret und permanent aus Achtung vor der Wirklichkeit, sie werden bestehen bleiben, sich vermehren und wachen, denn in Bonn hat die Bewegung den Fortschritt ersetzt, und alles, was nicht wachsen will, muß sterben.“1
Weiterführende Literatur und Links
Fußnoten
- John le Carré: Eine kleine Stadt in Deutschland. Essen 2007, übersetzt von Dietrich Schlegel und Walther Puchwein. Original: A Small Town in Germany, London 1968, S. 19 – 20.