Denkmal für die unbekannten Deserteure
Angelika Gwóźdź, Moderne im Rheinland
Mehmet Aksoy, Denkmal für den unbekannten Deserteur, Bonn, 1988, seit 2001 in Potsdam.
Foto: Botaurus, Public domain, via Wikimedia Commons- 1989
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1988 beauftragte das Bonner Friedensplenum den in Berlin lebenden türkischen Künstler Mehmet Aksoy mit der Anfertigung eines Denkmals für die unbekannten Deserteure. Da sich die Bonner Stadtpolitik gegen eine Aufstellung auf dem Friedensplatz aussprach, gelangte das Denkmal schließlich nach Potsdam. Dort steht es auf dem Platz der Einheit.
Als die Stadt Bonn 1989 ihre 2000-jährige Geschichte feiern wollte, stellte das Bonner Friedensplenum fest, dass die Stadtgeschichte ohne ihre Schattenseiten erzählt werden sollte. Dabei fielen auf diesen Zeitraum noch drei weitere Jubiläen: der 75. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, der 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges und 40 Jahre Bundesrepublik Deutschland.
„Uns fehlen andere Tafeln
uns fehlt diese eine:
Hier lebte ein Mann,
der sich geweigert hat
auf seine Mitmenschen zu schießen.
Ehre seinem Andenken!“ 1
Diese Worte Kurt Tucholskys sind seit 1995 auf der Inschrift der Tafel zu lesen und wurden zugleich zum tragenden Motto bundesweiter Bestrebungen zum öffentlichen Gedenken an Deserteure. In Bremen, Kassel und Hannover waren bereits erste Gedenkenstätten für Deserteure entstanden, nun sollte auch Nordrhein-Westfalen einen solchen Ort erhalten. Allerdings nicht in Bonn, denn der damalige Bonner Oberbürgermeister Hans Daniels lehnte das Vorhaben strikt ab und bezeichnete das Denkmal als „Diskriminierung der Soldaten, die in der Bundesrepublik Deutschland Frieden und Freiheit schützen“2 und als Verhöhnung der in den Weltkriegen gefallenen Soldaten. Der Stadtrat stimmte mehrheitlich gegen die Aufstellung.
Ein Bündnis aus verschiedenen Gruppen der Friedensbewegung ließ sich von der Gegenwehr nicht beirren und hielt an seinem Entschluss fest: Am 1. September 1989, dem Antikriegstag, sollte ein Denkmal für den unbekannten Deserteur des türkischen Künstlers Mehmet Aksoy aufgestellt werden. Die Enthüllung des Denkmals wurde jedoch nur als „Demonstrationsmittel“ für die Dauer von zwei Stunden bewilligt. Mit Hanne Hiob erhielten die Friedensaktivist*innen prominente Unterstützung, die sich auf ihrer Tour „Am Fleischerhaken hängt er, ach“, mit Lesungen, Theater und Filmen dem Thema Deserteure in der Bundesrepublik widmete. Das Denkmal zog trotz seiner massiven Beschaffenheit zunächst auf das politisch neutrale Gelände der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) der Universität Bonn und wandert durch Bonn und Umgebung, bis schließlich beschlossen wurde, es in der Partnerstadt Potsdam aufzustellen.
Einen Monat vor der Vereinigung3 von DDR und Bundesrepublik Deutschland wurde das Denkmal zum zweiten Mal enthüllt – nun als Leihgabe im Zentrum der ostdeutschen Partnerstadt Potsdam. Seinen heutigen dauerhaften Standort auf dem Platz der Einheit (benannt nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED, nicht nach der deutsch-deutschen Vereinigung) erhielt das Denkmal erst 2001.
Der Erinnerungsdiskurs um die Anerkennung und das Gedenken an Desertion als Widerstand und ihr Gedenken wurde in der Bundesrepublik Deutschland in den 1980er Jahren angestoßen. Obwohl sich viele Friedensinitiativen bundesweit für die Schaffung von Erinnerungsorten engagierten, wurden letztlich nur wenige dieser Projekte tatsächlich im öffentlichen Raum realisiert – oftmals nicht auf städtischem, sondern auf kirchlichem oder privatem, also politisch neutralem Grund.
Erst im Jahr 2000 wurde in Nordrhein-Westfalen das erste Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz in Hagen aufgestellt.4 2002 wurden Deserteur*innen als Opfergruppe in Deutschland rehabilitiert, und erst 2009 wurden die Verurteilungen wegen Kriegsverrats aufgehoben.
Weiterführende Literatur und Links
Fußnoten
- 1 Kurt Tucholsky, Die Tafeln, 1925 (Ignaz Wrobel, Die Weltbühne, 21.04.1925, Nr. 16, S. 601.)
- Antwortschreiben von OB Hans Daniel an das Bonner Friedenplenum, vom 12. Februar 1989, in: Bonner Friedensplenum, Arbeitskreis "Von der Fahne": Für die unbekannten Deserteure. Dokumentation zur Kampagne. Stand 31.03.89, Presse und Materialsammlung. Archiv für alternatives Schrifttum, Signatur SK 5.II.1989:5.
- In diesem Text wird bewußt auf den Begriff „Wiedervereinigung“ verzichtet. Siehe dazu Wilhelm Bleeks Eintrag zum Begriffdiskurs um "Wiedervereinigung" im Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, hrsg. v. Uwe Andersen und Wichard Woyke, Wiesbaden 1995.
- Bereits 1928 ist in Köln-Wahn ein Denkmal vom Rotfrontkämpferbund errichtet worden, der dort bis zu seinem Verbot 1933 jährliche Gedenkfeiern abgehalten hat. Nach 1945 ist das Gedenken von der KPD weitergeführt worden, bis auch diese 1956 verboten wurde.
- Website des Künstlers Mehmet Aksoy (in türkischer Sprache) - Link
- Informationsseite zum Bonner Denkmal für die unbekannten Deserteure vom Verein zur Förderung der Friedensarbeit e. V. - Link
- Bonner Friedensplenum (Hg.): Denk-mal für die Unbekannten Deserteure. Dokumentation zum Projekt, September 1989. - Link
- NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Denkmale für die Opfer der NS-Militärjustiz - Link
- PA-DBT Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜNEN (Drucksache 11/4920), Drucksache 11/5218 vom 21.09.1989. - Link
- Dräger, Marco: Deserteur-Denkmäler in der Geschichtskultur in der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt / Main 2017.
- Richter, Peter / Haase, Norbert: Denkmäler ohne Helden. Lengerich 2019, vor allem S. 108 – 113.