Loriot
Melanie Lange, Moderne im Rheinland
Loriots Sofa (Ausstellung: Loriot. Die Hommage, Haus der Geschichte, Bonn 2009/2010)
Foto: Elke Terstegen, CC-BY-2.0 , via Wikimedia Commons- 1953
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Vicco von Bülow, alias Loriot, entfaltet seit den 1950er Jahren – vornehmlich in Cartoons, Sketchen und Filmen – ein schillerndes Kaleidoskop des westdeutschen Mittelstandsbürgers. Aus dem breiten Spektrum seines schmunzelnd-kritischen Humors erwächst hierbei das markante Gütesiegel „Made by Loriot“.
„Wenn man die Geschichte unseres Landes nach dem Zweiten Weltkrieg schreiben will, kann man getrost auf die Tonnen bedruckten Papiers der Sozialforscher verzichten und sich Loriots gesammelten Werken zuwenden: Das sind wir, in Glanz und Elend.“1 Das, was Christoph Stölzl hier auf den resümierenden Punkt bringt, ist nichts weniger als ein intellektuell scharfsinniges, in vielschichtigen Humor wie in Watte eingelegtes Prisma der bundesrepublikanischen Nachkriegs- und Wiederaufbauwirklichkeit, das Vicco von Bülow über Jahrzehnte hinweg feinjustierend erstellt. Ein insbesondere in den Anfängen der 1950er Jahre durchaus schwieriges Unterfangen (siehe die herbe Kritik an seiner ersten Cartoon-Serie „Auf den Hund gekommen“ im Stern 1953, die zu einer raschen Einstellung des ‚tierischen Vergnügens‘ führt). Den Bürgern dieser Zeit ist offenkundig wenig zum Lachen, erst recht über sich selbst, zumute, was angesichts ihrer Blickwinkel kaum verwundert: Gegenwart und Zukunft stehen ganz im Zeichen von eifrigem Spucken in zupackend werkende Hände, und beim Thema Vergangenheit kappen abrupt sich schließende Augenlider mögliche Einsichten.
Umso bedeutsamer ist, dass zumindest einer genau hinschaut und dem gesellschaftlichen Treiben den Puls fühlt. Der Alltag mit all seinen tentakelhaft emporsprießenden Tücken wird zum Tummelplatz der mal sublim ironisch, mal satirisch polternd ‚investigativen‘ Sketche und Cartoons. Dabei spielt die aufblühende Konsumlandschaft ebenso eine zentrale Rolle in seinen Nahansichten wie die wachsenden Unbeholfenheiten gegenüber der rasanten technischen Entwicklung. Noch dankbarer für einen Humor, der die bifokal detektierte Realität so ungestört wie möglich für sich selbst sprechen lässt, sind die Schar der familiären und institutionellen Rituale sowie die Riege der Verhaltensklischees, in Bezug auf die Loriot sein Publikum dazu einlädt, ihnen beim Rieseln ihres Kalks zuzuschauen. Dass der bröckelnden hierarchischen Ordnung zwischen den Geschlechtern ein besonderes Augenmerk gewidmet wird2 , gehört gleichermaßen zu seinem genuinen Themenfundus wie die reflexive Beschäftigung mit dem die Wirtschaftswunder-Gesellschaft geradezu endemisch erobernden Medium Fernsehen. Und nicht zu vergessen, um ein Beispiel aus dem ‚Überbau‘ zu nennen, seine ornithologisch sorgfältigen, parteiübergreifenden Kundgebungen aus der Phrasen- und Chamäleonsphäre der Politik („Meine Damen und Herren, Politik bedeutet, und davon sollte man ausgehen, das ist doch – ohne darum herumzureden – in Anbetracht der Situation, in der wir uns befinden…“3 – und der Wörterkreisel nimmt seine leere Fahrt auf.)
Doch der distinguierte, seriöse, aristokratisch angehauchte Herr auf dem zum Markenzeichen geprägten „grünen Sofa“ hat uns – übrigens bis heute – noch Einiges mehr zu sagen als pointenreiche Anekdoten zum humorig zerzausten Personal einer sich auf eine freiheitliche Demokratie verständigenden Gesellschaft. So amüsiert das Betrachterlächeln über den Firnis der teils überspitzt karikaturierten Geschöpfe der „Bonner Republik“ dahingleitet, so sehr ist im Hintergrund die Intention verankert, dass es an dem einen oder anderen aufgespürten Riss verhakt. Wenn ein Ehepaar unter dem Stichwort „Herrenmoden“ beim Einkauf eines Anzuges sich ein bis zur Absurdität eines In-Hockposition-Nachhause-Watschelns zu großes Modell aufschwatzen lässt, offenbart sich die weiterhin bestehende, nahezu beliebige Anpassungsbeflissenheit, ja ‚Obrigkeitshörigkeit‘ der jetzigen Konsumenten, verrät sich das fehlende Fundament einer selbstbewussten Psyche, einer gewachsenen und resistenten Überzeugung. Eine Verhaltenstypik, die, nur auf den ersten Blick in verblüffender Widersprüchlichkeit, in präharmonierter Koexistenz mit einem obstinaten Pochen auf ein- für allemal verinnerlichte Ordnungsschemata daherkommt, gleichgültig wie unabweislich ihr Auflösungsprozess um sich greift: höre, siehe und bestaune Opa Hoppenstedts Weihnachtsmarschmusik oder Herrn Panislowskis „Ein Klavier, ein Klavier- Performance“. Wenn des Weiteren zwei „Herren im Bad“, genauer zwei Herren in ein- und derselben Badewanne – Gestatten, Herr Müller-Lüdenscheidt, hocherfreut, Dr. Klöbner –, ausgelöst von dem Wunsch des einen Herrn, sein „Quietscheentchen“ wie gewohnt zu Wasser zu lassen, in einen Streit um die territoriale Hoheit über die Badewanne geraten, in dessen Folge sie ihre Standpunkte schneller wechseln, als das Wasser kalt werden kann, präsentiert der Kenn-Zeichner diesen Vorgang als die ungebrochene Wiederaufnahme des Kampfes um die neuerliche Vorherrschaft, deren Basis eine schier unvorhersehbare Positionswendigkeit ist. Womit Loriots ‚Alltags-Helden‘ zu personalisierten Miniaturen eines wesentlichen Strukturmoments der „Bonner Republik“ aufsteigen, was Christoph Classen in die summarischen Worte fasst: „Die Janusköpfigkeit der bundesdeutschen Nachkriegszeit zwischen konservativer Beharrung und dynamischer Öffnung spiegelt sich auch in seinem Werk.“4 Dass Loriot sich lediglich auffallend indirekt mit der fehlenden „Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus“5 der ‚Wir-werden-wieder-Wer-Generation‘ beschäftigt, wird mehrere Gründe haben. Einer wird wahrscheinlich der sein, dass auch ein souveräner Ableger humorverquickter Daseinsbetrachtung gewisse Brandlinien nicht überschreiten sollte.
Weiterführende Literatur und Links
Fußnoten
- Christoph Stölzl: Wir sind Loriot oder Ein Preuße lockert die Deutschen. In: Loriot: Gesammelte Prosa, Zürich 2006, S. 709–715, hier: S. 713. Auch die Sektionsüberschrift „Die Archetypen der Bonner Republik: Loriots Werk im soziohistorischen Kontext“ zeigt, wie die Wissenschaft Loriot als geistigen Pulsar der „Bonner Republik“ bereits in den Fokus genommen hat. Bers, Anna / Hillebrandt, Claudia (Hrsg.): Loriot und die Bundesrepublik, Berlin/Boston 2023, S. 5.
- Einschließlich der „Prüderie und Bigotterie der Adenauer-Ära“. Classen, Christoph: Lachen nach dem Luftschutzkeller. Loriot in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. In: Bers, Anna / Hillebrandt, Claudia (Gasthrsg.): Loriot (text + kritik, Heft 230 (April 2021)), München 2021, S. 10.
- Loriot: Bericht aus Bonn, 02.01.1972, Realfilm aus: Cartoon 18, SDR/ARD, Darsteller: Vicco v. Bülow.
- Bers/Hillebrandt, 2021, S. 14.
- Ebd., S. 13.