Alle Spuren

Erste bundesweite Homosexuellen-Demonstration

Frau mit Plakat, auf dem steht "Homos - raus aus den Löchern" auf einem urbanen Platz mit weiteren Demonstrand*innen

Anne Henscheid auf der ersten bundesweiten Homosexuellen-Demonstration am 29.2.1972

  • 1972
  • Kultur
  • Gesellschaft
  • Münster
  • Bochum
  • Aktivismus
  • Protest
  • Queere Geschichte

Am 29. April 1972 fand in Münster die erste Demonstration für die Rechte von Homosexuellen in der Bonner Republik statt. Eingerahmt in ein Veranstaltungswochenende zum Thema "Diskussion - Vernetzung - Party" zogen die Demonstrierenden vom Schloss bis in die Stadtmitte.

Erst drei Jahre zuvor war durch eine am 1. September 1969 erfolgte Strafrechtsänderung des seit 1871 bestehenden Paragraphen 175 eine Entkriminalisierung der im Nationalsozialismus verschärften sogenannten ‚einfachen Homosexualität‘ in der Bonner Republik ermöglicht worden. Nach Denunziationen, Bespitzelung und Inhaftierung wurde Homosexualität unter Erwachsenen über 21 Jahren nun zwar straffrei gestellt (während sie bei heterosexueller „Unzucht" bei 14 Jahren lag bzw. bei 16 Jahren im Fall der „Verführung zum Beischlaf"), in der Öffentlichkeit jedoch lange Zeit noch moralisch verurteilt. Vor diesem Hintergrund gründeten sich Anfang der 1970er Jahre eine Reihe von homosexuellen ‚Emanzipationsgruppen‘, die nicht mehr nur zurückgezogen im Verborgenen, sondern aktiv und in der Öffentlichkeit für die Gleichberechtigung homosexueller Menschen eintreten wollten. Nachdem sich bereits am 15. Dezember 1970 in Bochum unter dem Namen ‚Homosexuelle Aktionsgruppe Bochum‘ (HAG) die erste deutsche Homosexuellengruppe gegründet hatte, formierte sich nur wenige Monate später die Gruppe "Homophile Studenten Münster" (HSM), eine Gruppe sowohl von Männern wie von Frauen – und dies nicht nur aus dem studentischem Milieu. So gehörte zum engagiertesten Teil der Gruppe neben dem Student Rainer Plein zunächst auch die Angestellte Anne Henscheid, die im November 1973 Mitinitiatorin der ‚Homosexuellen Frauen Münster‘ (HFM) wurde, einer der ebenfalls ersten Lesbengruppen in der Bonner Republik. Anlässlich ihres ersten Jahrestags am 29. April 1972 fand in Münster ein bundesweites Veranstaltungswochenende für homosexuelle Emanzipationsgruppen zum Thema "Diskussion - Vernetzung - Party" statt. Die erste Demonstration für die Rechte von Homosexuellen in der Bonner Republik war der Höhepunkt des Wochenendes.

Trotz erster gesetzlicher Liberalisierungsmaßnahmen verfolgten Politik und Öffentlichkeit in Münster die Aktionen der beiden Gruppen mit einer Mischung aus Kontrolle und vollständiger Missachtung: Während den Lokalzeitungen die Anliegen der HSM und der HFM keine Zeile wert waren, legte die Polizei sogar karteimäßige Unterlagen über männliche Homosexuelle an und erfasste weiterhin -- wie z.B. während der Demonstration im April 1973 – minutiös die Aktivitäten der HSM durch Materialsammlungen und polizeiliche Einsatzberichte.

Es sollte noch 20 Jahre dauern bis am 11. Juni 1994 zumindest der Paragraph 175 abgeschafft wurde, nicht zuletzt als Angleichung an die Rechtsvorschriften der ehemaligen DDR im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands.

Weiterführende Literatur und Links
  • Queer Münster. Eine andere Geschichte der Stadt - Link
  • Münster 1972! Eine Dokumentation anlässlich des 50. Jahrestages der ersten Homosexuellen-Demonstration in Deutschland. - Link
  • Münster 1972! Das Booklet zum Dokumentarfilm. - Link
  • Schmidt, Reinhard (Hg.): HAG – Homosexuelle Aktionsgruppe Bochum. Beginn der homosexuellen Emanzipation im Jahr 1970, Bochum 2020.

Verbundene Felder