Tausendfüßler
Leon Adolphs, Moderne im Rheinland
Die Hochstraße, genannt Tausendfüßler, auf Höhe der Straßenbahnhaltestell Jan-Wellem-Platz. Fotografiert von Dolf Siebert im Jahr 1963.
Foto: Stadtarchiv Düsseldorf- 1988–2013
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Wie in vielen deutschen Städten, sahen die verantwortlichen Architekten und Stadtplaner auch im kriegszerstörten Düsseldorf eine Chance:
Die Verwirklichung stadtplanerischer Großprojekte, die umfangreiche Veränderungen am historisch gewachsenen Stadtgefüge und dessen Grundrissen vorsahen, vor dem Krieg aber wohl schon am zu erwartenden Widerstand aus Politik und Bevölkerung gescheitert wären, rückte durch die Zerstörung weiterer Stadtteile nicht nur in den Bereich des Möglichen, sondern war teils sogar gefordert. So realisierte der Leiter des Düsseldorfer Stadtplanungsamtes, Friedrich Tamms, schon lange diskutierte Pläne einer Parallelstraße zur Königsallee als Teil eines ausgreifenden Gesamtplans für die zukünftige Verkehrsführung durch die Innenstadt. In diesem sollte sich nördlich der Berliner Allee eine stadtbildprägende Hochstraße anschließen, die zusammen mit dem Dreischeibenhaus, dem Schauspielhaus und dem Gustaf-Gründgens-Platz Wirtschaft, Kultur und Verkehr in einem Ensemble vereinigen sollte.
Inspiriert von den ikonischen Hochstraßen Los Angeles‘, teilt sich die einen halben Kilometer lange Überführung in einen Hauptarm, der von der Hofgartenstraße auf die Berliner Allee führte, und einen Nebenarm, der in die Immermannstraße mündete. Getragen wurde die Fahrbahn aus Spannbeton von zehn Y-förmige Stahlstützen unter dem Hauptarm und jeweils fünf einfachen Stützen unter den beiden Nebenarmen, aufgrund derer die Hochstraße im Volksmund bald zum Tausendfüßler animalisiert wurde. Auf Protest stießen die Pläne nicht nur unter konkurrierenden Bauplanern, die die Vergabe der damit einhergehenden Bauaufträge an Architekten kritisierten, die ihre Karriere während der nationalsozialistischen Herrschaft begannen und damit – ebenso wie Tamms selbst – als vorbelastet galten, sondern auch unter der Stadtbevölkerung, die eine Zerstörung des Hofgartens, der für die Bauvorhaben großteils zugeschüttet werden sollte, nicht hinnehmen wollte.
Die Diskussion gipfelte am 15. Januar 1961 in einer Demonstration von 10.000 Menschen vor dem Rathaus, mit einem anschließenden Marsch zum Hofgarten, der eine Modifizierung der Pläne bewirkte: Nur ein vergleichsweise geringer Teil des Hofgartens musste so den entstehenden Bauten weichen. Die Hochstraße Tausendfüßler wurde in den Jahren 1961 und 1962 errichtet, wobei die rapide Bauzeit dadurch erzielt wurde, dass ungewöhnlicherweise von allen drei Enden her zugleich mit dem Bau begonnen wurde. Auch wenn der Tausendfüßler 1993 noch in die Denkmalliste eingetragen wird, werden um 2005 Stimmen lauter, die dessen dann 2013 erfolgten Abriss fordern. Heute ist das Areal des ehemaligen Sinnbilds eines von seinen Erbauern dezidiert als modern und zukunftsweisend postulierten Stadtplanungsprinzips, das den Autoverkehr ins Zentrum stellt, durch seine Untertunnelung und die Kö-Bogen-Projekte auf seinem Straßenniveau verkehrsfrei.
Weiterführende Literatur und Links
- Düwel, Jörn u. Gutschow, Niels: Friedrich Tamms. Architektur und Städtebau. Gewissheiten und Gesetzmäßigkeiten. 1933-1973, Berlin 2021, S. 468 ff.
- Tamms, Friedrich: Düsseldorf, ja, das ist unsere Stadt, Düsseldorf/Wien 1966, S. 152 ff.
- Englert, Klaus: Architekturführer Düsseldorf, Berlin 2022
- Kanz, Roland u. Wiener, Jürgen: Architekturführer Düsseldorf, Berlin 2001