Die Besetzung der Kiefernstraße
Lina Lewen, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
- 1980
- Gesellschaft
- Kultur
- Düsseldorf
- Rheinland
- Aktivismus
- Bedrohte Orte
- Gegenkultur
- Heimat
- Industriewandel
- Kunst im öffentlichen Raum
- Protest
Die Kiefernstraße liegt im Düsseldorfer Stadtteil Flingern-Süd und wurde in den 1980er Jahren durch ihre Hausbesetzungen bekannt. Damals lebten in der Straße 800 Bewohner*innen aus bis zu 45 Nationalitäten und verschiedenen sozialen Gruppen.
Die Straße wurde zu einem lebendigen Beispiel für die Aushandlung von Heimat in einem urbanen Umfeld, in dem unterschiedliche Vorstellungen und Lebensweisen aufeinandertrafen, miteinander in Konflikt gerieten, aber auch kreative und solidarische Formen des Zusammenlebens hervorbrachten. Wir befanden uns in der Zeit der Bonner Republik, als die Kiefernstraße 1980 wegen mangelnden Wohnraums besetzt wurde. Zu dieser Zeit kam ein enormer Zustrom von Gastarbeiter*innen nach NRW, weshalb die Bonner Republik zur Heimat für viele Menschen wurde.
Die Kiefernstraße wurde 1890 eingeweiht und trug zunächst den Namen Ruhrtalstraße. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Wohnbebauung. 1905 wurde sie schließlich in „Kiefernstraße“ umbenannt. Ab 1910 wurde sie lückenlos bebaut, und bis 1920 lebten bereits die ersten 400 Familien dort. Die meisten Häuser waren im Besitz der Düsseldorfer Eisen- und Drahtindustrie, die sich hinter den Häusern ausbreitete und später den Namen „Klöckner-Werke AG“ annahm. Ab 1975 wurde das Klöckner-Werk größtenteils stillgelegt, und es folgte die „Umlegung“ nach Duisburg. Die Kiefernstraße ging in den Besitz des Liegenschaftsamtes Düsseldorfs über, was zur Umsetzung der ersten Mieter*innen führte, woraufhin die ersten Wohnungen leer standen.
1977 wechselten erneut die Eigentümer: Nun war die städtische Düsseldorfer Wohnungsbaugesellschaft (DüWoGe) zuständig. Die DüWoGe war auch durch Häuserabrisse im Stadtteil Düsseldorf-Bilk bekannt. Die Gesellschaft plante an der Stelle der Kiefernstraße ein neues Gewerbegebiet, dem die Häuser weichen sollten. Ab 1977/78 begann die Entmietung, obwohl bezahlbarer Wohnraum in Düsseldorf knapp war. Die Eigentümer wechselten erneut, und die Kiefernstraße ging wieder an das Liegenschafts- und Sozialamt über. Da jedoch immer noch mehr als 40 Wohnungen leer standen, begannen Wohnungssuchende, die leerstehenden Wohnräume zu besetzen.
Nach Verhandlungen übergab die Stadt der AWN (Aktion Wohnungsnot) Wohnungen in der Kiefernstraße an Asylbewerber*innen. Ein neuer Bauplan, der den Abriss vorsah, wurde eingereicht, während gleichzeitig die Bewohner*innen und das angrenzende soziokulturelle Zentrum „ZAKK“ zwei Einspruchsverfahren einreichten und über 600 Unterschriften sammelten. Es wurden Forderungen laut wie: „Kein Abriss von Wohnraum!“, „Denkmalschutz und Bestandsschutz!“ und „Übergabe der besetzten Wohnungen an die Instandbesetzer!“
1982 eröffneten zwei Cafés, das „NIX DA“ und „Die Müllkippe“. 1984 entschied die Stadtverwaltung, die Kiefernstraße bis 1987 zu erhalten. 1986 eröffnete das „NIX DA“ als Infocafé, und erneut wurden Häuser von Wohnungssuchenden besetzt. Am 2. August desselben Jahres fand eine Großrazzia in der Kiefernstraße mit 800 Polizist*innen statt, da ein RAF-Mitglied zusammen mit zwei Bewohner*innen der Kiefernstraße in Rüsselsheim verhaftet worden war. Nach brennenden Barrikaden und großem positivem Interesse der Presse zog sich die Stadt zunächst aus den Verhandlungen zurück. 1987 schloss die Stadt schließlich Mietverträge mit dem Hausbesetzer*innen ab, die ab September 2008 ohne Weiteres verlängert werden konnten.1
Die bunten Fassaden, die heute das Bild der Kiefernstraße prägen, sind ein direktes Ergebnis dieser Besetzungsbewegung. Künstler*innen und Anwohner*innen begannen, die Häuser kreativ zu gestalten, was zu einem einzigartigen Erscheinungsbild führte, das die Straße bis heute auszeichnet. Die Kiefernstraße in Düsseldorf ist mehr als nur eine Straße – sie ist ein Symbol für Gemeinschaft, Kreativität und Widerstand. Die Ereignisse der 1980er Jahre, insbesondere die Hausbesetzungen, legten den Grundstein für ihre heutige Identität. Trotz städtischer Entwicklungen hat die Kiefernstraße ihre besondere Atmosphäre und kulturelle Vielfalt bewahrt. Sie bleibt ein lebendiges Zeugnis für die Stärke und den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, die sich erfolgreich gegen äußere Zwänge behauptet hat.
Weiterführende Literatur und Links
Fußnoten
- „Die Geschichte eines Konflikts - Kiefernstraße 1-37“, Direkte Aktion WohnungsNot e.V, 1986 Düsseldorf, Dokumentation (afas-Duisburg)
- Rekittke, Volker/Klaus Martin Becker: Politische Aktionen gegen Wohnungsnot und Umstrukturierung und die HausbesetzerInnenbewegung in Düsseldorf von 1972 bis heute (Diplomarbeit), Düsseldorf 1995. - Link
- Aktion Wohnungsnot e.V.: Kiefernstraße 1-37. Dokumentation, Düsseldorf 1986. (Broschüre) - Link
- Selbstpräsentation der Kiefernstraße - Link

