Jazzwanne
Angelika Gwóźdź, Moderne im Rheinland
- 1960–1967
- Kultur
- Gesellschaft
- Herne
- Wanne-Eickel
- Ruhrgebiet
- Kulturorte
- Musik
- Subkultur
- Verlorene Orte
Die jazzwanne entwickelte sich zum Wirkungsort einer überregionalen und internationalen Jazzszene und steht stellvertretend für die Dichte und Vernetzung von Orten in Nordrhein-Westfalen, die durch das Engagement junger Erwachsener als Alternative zum öffentlichen Kulturangebot entstehen konnten.
Während andernorts in Deutschland bereits nach 1945 die ersten Jazzorte in Form von Hotclubs oder Jazz-Kellern gebildet wurden, so erreichte die Jazzwelle Wanne-Eickel erst 1954, als sich die ersten Hotclubs wieder auflösten. In einer Gaststätte formierten sich 15 Jazzenthusiast*innen zum Jazzclub, der sich zunächst nur als Interessenverband im Jugendheim Heisterkamp zu Vorträgen und Jam-Sessions traf. Mit seriösen Ambitionen, denn im Fokus stand die musikalische Selbstbildung in klarer Abgrenzung zu Vergnügungsveranstaltungen:
„Der Jazzclub Wanne-Eickel ist eine Vereinigung mit dem Ziele, die Jazzmusik zu pflegen und weiteren Interessentenkreisen bekanntzumachen. Um allen Mißverständnissen, wie sie leider im Jazz sehr zahlreich sind, vorzubeugen, möchte ich betonen, daß der Club den Jazz ausschließlich als Musikrichtung auffaßt. Ich darf daher bitten, den Jazzclub nicht mit einem Tanzclub oder dergleichen zu verwechseln“.1
Im April 1960 wurden schließlich eigene Räume angemietet, die bald darauf als „jazzwanne“ über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurden. Der selbstverwaltete Privatclub lud täglich ab 17 Uhr zum Diskutieren und Jammen ein – Ende offen. Im Gegensatz zu den bekannten Veranstaltungsorten war hier nicht bereits um 22 Uhr Schluss mit der Musik. Zwischen Essen und Dortmund gelegen, wurde Wanne-Eickel so zum After-Hour-Ziel unterschiedlicher Musiker*innen, darunter auch aus den nahegelegenen britischen Kasernen oder für den international bekannten polnischen Jazzmusiker Andrzej Kurylewicz, der nach seinem Auftritt im Essener „Kaleidoskop“ direkt in die jazzwanne reiste.
Der Wirkungskreis der jazzwanne blieb nicht auf Wanne-Eickel beschränkt: Die clubeigene Band Modern Jazz Group2 begleitete Günter Grass, als dieser im Rahmen seiner Südwestfunk-Reihe „Jazz und Lyrik“ am 17. September 1966 im Jungengymnasium Wanne-Eickels las. Bei einer Improvisation während der Oberhausener Kurzfilmtage 1966 soll der Trickfilmregisseur Ernest Pintoff so beeindruckt gewesen sein, dass er spontan einstieg.
Auch wenn die jazzwanne das „Kaleidoskop“ und den Düsseldorfer Jazzclub überlebte, lange sollte die Autonomie nicht währen. 1967 kündigte die Stadt den Mietvertrag und ließ das Gebäude schließlich abreissen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Beatwelle bereits das Ruhrgebiet erreicht und den Jazz verdrängt. Vorerst. Die Akteur*innen knüpften das Jazz-Netz andernorts weiter: im Dortmunder „domicil“ (1969), im „Monopol“ des Bildhauers Bruno Unkhoff am Wanner Markt, mit Karikaturist Walter Kurowski in Oberhausen und in der Initiative Musik Wanne-Eickel e.V. (1977) bis heute.
Weiterführende Literatur und Links
Fußnoten
- Selbstdefinition zitiert nach Uta C. Schmidt, in Piorr 2021 S. 38.
- 1961 gegründet, komplette Besetzung: Horst Offergeld (Drums), Hartmut Krowarz (Bass), Conny Wyludda (Vibraphon), Tony Watson (Saxophon), Heinz Oelmann (Piano), Tom Harris (Saxophon) und John Donally (Trompete)
- Wolfgang Berke: Beat, Rock & Pop in Wanne-Eickel. Die Jahre 1965 – 1980, o.D. - Link
- Michael H. Kater: Gewagtes Spiel – Jazz im Nationalsozialismus. Kiepenheuer 1995, dtv 1998.
- Norbert Kozicki: „Now’s the time“. Die Jazz-Wanne. Zur Geschichte eines Jazzclubs im Ruhrgebiet. (Film) - Link
- Norbert Kozicki: Jazz-Wanne zwischen Sartre und Bahndamm, o.D. - Link
- Norbert Kozicki: Über allem lag der Jazz: Zur Geschichte der Jazz-Wanne in den 1960er Jahren. o.D. - Link
- Ralf Piorr (Hg.): jazzwanne. Geschichte, Movement und urbane Kunst. Herne 2021.
- Robert von Zahn (Hg.): Jazz in Nordrhein-Westfalen seit 1946, Musikland NRW Bd.1, Köln 1999, S. 64 – 98.




