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Jazzwanne

Angelika Gwóźdź, Moderne im Rheinland

Sechs Männer stehen draußen vor einem alten Backsteingebäude. Über ihnen ragt ein weißes Schild hervor mit der Aufschrift "Die Jäzz Wanne".

Das "new jazz quintet wanne" mit Helmut Tüg, Ernst Dittke, Geschäftsführer Hans Lies, Hannes Beckmann, Heinz Oelmann und Wolfgang Ast, um 1962.

Foto: Sammlung Ernst Dittke, mit freundlicher Genehmigung von Ralf Piorr.
4 Personen mit Musikinstrumenten vor einer plakatierten Wand. Im Vordergrund am unteren Bildrand sieht man einen Mann, der auf einem Kontrabass spielt. Links im Bild ein Mann mit Pfeife im Mund, der stehend eine Snaredrum in der Hand hält. Im Zentrum des Bildes liegt eine Frau mit kurz geschorenen Haaren auf einem Vibraphon. Rechts von ihr hinter dem Vibraphon sitzt ein Mann seitwärts und schaut in die Kamera.

Wolf Kemmler, Brigitte Gerards, Heinz Oelmann und Conny Wiludda in der jazzwanne, um 1960.

Foto: Hartmut Beifuss, mit freundlicher Genehmigung von Ralf Piorr.
Schreiben adressiert an Heinz Oelmann (falsch geschrieben) mit dem Wortlaut: "Sehr geehrter Herr Öhlmann, am 11. Oktober 1967 veranstalten wir im Landesmuseum Mainz, Große Bleiche 49, die vierte Folge unserer Serie "Treffpunkt Museum". Etwa 18 Minuten dieser Veranstaltung, fürdie Günter Grass sein Kommen zugesagt hat, werden aufgezeichnet und in unserer Fernseh-Regionalsendung für Rheinland-Pfalz, "Blick ins Land", am 13. Oktober 1967 geendet. Um zwischen der Lesung von Herrn Grass, den Interview mit dem Schriftsteller und der geplanten Diskussion mit dem Publikum einige Zäsuren setzen zu können, würden wir gern eine Jazz-Band spielen lassen. Herr Grass schlug uns Ihre "Jazz-Wanne" vor. Bitte benachrichtigen Sie uns doch bald - möglichst telefonisch - ob sie am 11., möglichst schon am 10. Oktober zu einer Vorbesprechung, zu uns kommen könnten. Mit freundliche Grüßen, Südwestfunk, Landesstudio Rheinland-Pfalz."

Schreiben des Südwestfunks an Heinz Oelmann, 12. September 1967

Scan: Sammlung jazzwanne, mit freundlicher Genehmigung von Ralf Piorr.
Eingescannte Stellungnahme: "Lärmanzeige Rießeler. Einer der Unterzeichnenden (W. Kemmler) erhielt eine Vorladung zur Vernehmung wegen ruhestörenden Lärms. Gemeinsam mit einem weiteren Herrn der Unterzeichnenden (H. Oelmann) folgte er termingerecht der Vorladung und wurde von Herrn POM Schröder zur Sache gehört. Im Rahmen eines zwanglos verlaufenden Gesprächs stellte sich heraus, daß 1. Nicht XX eine gegen Herrn W. Kemmler persönlich gerichtete Anzeige vorlag, sondern vielmehr seitens eienr Frau I. Rießeler eine Anzeige gegen den Jazz-Club Wanne-Eickel und 2. Daß diese Anzeige nicht § 360/11 StGB (Ruhestörender Lärm) ihre rechtliche. Grundlage haben sollte, sondern nach Ansicht der anzeigenden Person ein Verstoß gegen die Verordnung über die Lärmbekämpfung vom 10.1.1955 zu ahnden sei. Das Ergebnis der vorgenannten Unterredung sieht vor, daß der JC W.-E. sich zu den Vorwürfen, die ihm aufgrund der vorliegenden Anzeige mündlich vorgetragen wurden, schriftlich äußern soll, da eine derartige Stellungnahme der Zustimmung sämtlicher Clubmitglieder bedarf. Grundsätzlich ist zu bemerken, daß der JC W.-Ei. Als eine lose Verbindung junger Leute ist, die sich die Pflege moderner Musik durch Diskussion und Vortrag zur Aufgabe gemacht hat. Der JC unterstützt und vertritt vornehmlich den echten Jazz und versucht nach Möglichkeit, in der Öffentlichkeit aufklärend zu wirken, obgleich das nicht immer leicht ist, da ein Großteil der älteren Generation immer noch mit Vorurteilen einer längstvergangenen Epoche belastet ist und sich nicht scheut, im Zusammenhang mit Jazz von entarteter Musik zu reden. Auch deutsche Rechtsprechung (BRD) hat jedoch den Jazz eindeutig als Kunstmusik klassifiziert. Der JC E.-E. ist keine juristische Person, kein e.V. und überhaupt kein „Verein“ im ortsüblichen Sinne. Das allgemeine geistige Niveau des Clubs gestattet es demgemäß auch, auf eine vereinsgemäße Organisation zu verzichten. Jedes Mitglied hält es für seine Pflicht, zum Wohle des Clubs und Jazz schlechthin mitzuarbeiten. Jedes Mitglied ist sowohl dem Club als auch den Organen der öffentlichen Ordnung für sein Handeln selbstständig verantwortlich. Für diesen besonderen Fall wurde ein fünfköpfiges Gremium gebildet, das auch für die verbleibenden Mitglieder zeichnet. In diesem Sinne möchten wir auch die Zur-Verfügungstellung anliegender Mitgliedsliste verstanden wissen, obwohl wir uns in keiner Weise verpflichtet fühlen, sondern nur dazu beitragen wollen, das allgemeine Bidl es Clubs nach außen hin zu vervollständigen. Jedoch soll nunmehr zu den sogenannten Vorwürfen Frau I. Rießeler Stellung genommen werden, soweit das überhaupt erforderlich erscheint und zum anderen möglich ist. Frau R. war unvorsichtig genug, in ihrem Schreiben vom 29. Juli 1960 an den JC W.-E. das Motiv ihrer fortwährenden Aktionen eindeutig anzuführen; „ ….. habe ich grundsätzlich nichts dagegen, daß Sie in den von Ihnen gemieteten Räumen musizieren, was nach Art der Musik für uns ältere Leute an sich eine Zumutung ist.““

Erste Seite der schriftlichen Stellungnahme der jazzwanne an die Polizei zum Vorwurf der Ruhestörung, November 1960.

Scan: Mit freundlicher Genehmigung von Ralf Piorr
eine Gruppe von Kunstschaffenden und Musizierenden posiert mit Instrumenten und NAmendsschildern. Im Hintergrund ein Gebäude mit rauchenden Schornsteinen. Der Titel "Muik + Bilder" scheint aus Rauchwolken zu bestehen, die ein Propellerflugzeug verursacht.

Plakat der Veranstaltung "Musik + Bilder" am 13. Mai 1979, organisiert von initiative musik wanne-eickel e.v., der Werkstatt Kulturaktuell, dem Jugendamt und Stadtjugendring der Stadt Herne.

Sammlung Karl-Heinz Blomann, Ralf Piorr.
  • 1960–1967
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  • Wanne-Eickel
  • Ruhrgebiet
  • Kulturorte
  • Musik
  • Subkultur
  • Verlorene Orte

Die jazzwanne entwickelte sich zum Wirkungsort einer überregionalen und internationalen Jazzszene und steht stellvertretend für die Dichte und Vernetzung von Orten in Nordrhein-Westfalen, die durch das Engagement junger Erwachsener als Alternative zum öffentlichen Kulturangebot entstehen konnten.

Während andernorts in Deutschland bereits nach 1945 die ersten Jazzorte in Form von Hotclubs oder Jazz-Kellern gebildet wurden, so erreichte die Jazzwelle Wanne-Eickel erst 1954, als sich die ersten Hotclubs wieder auflösten. In einer Gaststätte formierten sich 15 Jazzenthusiast*innen zum Jazzclub, der sich zunächst nur als Interessenverband im Jugendheim Heisterkamp zu Vorträgen und Jam-Sessions traf. Mit seriösen Ambitionen, denn im Fokus stand die musikalische Selbstbildung in klarer Abgrenzung zu Vergnügungsveranstaltungen:

„Der Jazzclub Wanne-Eickel ist eine Vereinigung mit dem Ziele, die Jazzmusik zu pflegen und weiteren Interessentenkreisen bekanntzumachen. Um allen Mißverständnissen, wie sie leider im Jazz sehr zahlreich sind, vorzubeugen, möchte ich betonen, daß der Club den Jazz ausschließlich als Musikrichtung auffaßt. Ich darf daher bitten, den Jazzclub nicht mit einem Tanzclub oder dergleichen zu verwechseln“.1

Im April 1960 wurden schließlich eigene Räume angemietet, die bald darauf als „jazzwanne“ über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurden. Der selbstverwaltete Privatclub lud täglich ab 17 Uhr zum Diskutieren und Jammen ein – Ende offen. Im Gegensatz zu den bekannten Veranstaltungsorten war hier nicht bereits um 22 Uhr Schluss mit der Musik. Zwischen Essen und Dortmund gelegen, wurde Wanne-Eickel so zum After-Hour-Ziel unterschiedlicher Musiker*innen, darunter auch aus den nahegelegenen britischen Kasernen oder für den international bekannten polnischen Jazzmusiker Andrzej Kurylewicz, der nach seinem Auftritt im Essener „Kaleidoskop“ direkt in die jazzwanne reiste.

Der Wirkungskreis der jazzwanne blieb nicht auf Wanne-Eickel beschränkt: Die clubeigene Band Modern Jazz Group2 begleitete Günter Grass, als dieser im Rahmen seiner Südwestfunk-Reihe „Jazz und Lyrik“ am 17. September 1966 im Jungengymnasium Wanne-Eickels las. Bei einer Improvisation während der Oberhausener Kurzfilmtage 1966 soll der Trickfilmregisseur Ernest Pintoff so beeindruckt gewesen sein, dass er spontan einstieg.

Auch wenn die jazzwanne das „Kaleidoskop“ und den Düsseldorfer Jazzclub überlebte, lange sollte die Autonomie nicht währen. 1967 kündigte die Stadt den Mietvertrag und ließ das Gebäude schließlich abreissen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Beatwelle bereits das Ruhrgebiet erreicht und den Jazz verdrängt. Vorerst. Die Akteur*innen knüpften das Jazz-Netz andernorts weiter: im Dortmunder „domicil“ (1969), im „Monopol“ des Bildhauers Bruno Unkhoff am Wanner Markt, mit Karikaturist Walter Kurowski in Oberhausen und in der Initiative Musik Wanne-Eickel e.V. (1977) bis heute.

Weiterführende Literatur und Links

Fußnoten

  1. Selbstdefinition zitiert nach Uta C. Schmidt, in Piorr 2021 S. 38.
  2. 1961 gegründet, komplette Besetzung: Horst Offergeld (Drums), Hartmut Krowarz (Bass), Conny Wyludda (Vibraphon), Tony Watson (Saxophon), Heinz Oelmann (Piano), Tom Harris (Saxophon) und John Donally (Trompete)
  • Wolfgang Berke: Beat, Rock & Pop in Wanne-Eickel. Die Jahre 1965 – 1980, o.D. - Link
  • Michael H. Kater: Gewagtes Spiel – Jazz im Nationalsozialismus. Kiepenheuer 1995, dtv 1998.
  • Norbert Kozicki: „Now’s the time“. Die Jazz-Wanne. Zur Geschichte eines Jazzclubs im Ruhrgebiet. (Film) - Link
  • Norbert Kozicki: Jazz-Wanne zwischen Sartre und Bahndamm, o.D. - Link
  • Norbert Kozicki: Über allem lag der Jazz: Zur Geschichte der Jazz-Wanne in den 1960er Jahren. o.D. - Link
  • Ralf Piorr (Hg.): jazzwanne. Geschichte, Movement und urbane Kunst. Herne 2021.
  • Robert von Zahn (Hg.): Jazz in Nordrhein-Westfalen seit 1946, Musikland NRW Bd.1, Köln 1999, S. 64 – 98.