NS-Kontinuität
Angelika Gwóźdź, Moderne im Rheinland
„Es gibt manche, und es gibt sie wohl auch unter uns, die meinen, es sei mit der Reinigung alles geschehen. Sie sind wie überfleißige Hausfrauen, die zuerst fegen, um zu säubern, und dann weiter fegen, auch wenn der Staub beseitigt ist.
Sie befinden sich in dem verhängnisvollen Irrtum, anzunehmen, daß das Bild unseres Volkes, wie es sich heute in seinen größten Teilen darstellt, das Bild der Würdelosigkeit, des Neides, des Hasses, der Gier nach dem Besitz des Nächsten, der Denunziation, der Rachsucht, der völligen Erbarmungslosigkeit, daß dieses Bild, sage ich, eine Frucht der letzten zwölf Jahre und die alleinige Schuld der Nationalsozialisten sei. Die dieses meinen, haben den drohenden und gespenstischen Gang der letzten 100 Jahre nicht gehört.“1
Anders, als noch ein Jahr zuvor in seiner „Rede an die deutsche Jugend“ findet der Schriftsteller Ernst Wiechert in „Über Kunst und Künstler“ (1946) kritische Worte, behält aber seinen Optimismus hinsichtlich der Vergangenheitsbewältigung bei. Wiechert hofft auf einen allgemeinen Konsens, ehemalige Nazis in ihren Karrieren und Positionen nicht weiterziehen zu lassen – erst recht nicht in der deutschen (Kultur-)politik. Ernst Wiechert hält diese neue Rede jedoch nie.
Schnell wird im Geschichtsdiskurs für das Kriegsende am 8. Mai 1945 der Mythos von der „Stunde Null" erfunden, der einen vermeintlichen Neubeginn zur Loslösung jeglicher Belastungen aus der Zeit des Nationalsozialismus bezeichnen soll. Inzwischen ist bekannt, dass eine tatsächliche Loslösung nie vollzogen worden und die Verwendung jenes Ausdrucks obsolet geworden ist. Vielmehr ist nun von Kontinuitäten, Wirkungsketten und zugleich von Brüchen die Rede. Trotz der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen und des (gescheiterten) Versuchs der Entnazifizierung, konnten Funktionseliten ihre Karrieren ohne Konsequenzen fortsetzen.
Bei unseren Recherchen, in unzähligen Gesprächen und Diskussionen stellten wir fest, dass dieser Pfad „NS-Kontinuität“ ein größeres Fadennetz zieht, als wir zunächst erwartet hatten. Im Projekt wurde das Hinterfragen der NS-Vergangenheit der Protagonist*innen und ihrer Entscheidungen und Orte zur Recherchegrundlage. Parallel hierzu begann die Suche nach dem Wer, Wie, Wo der Alternativen, die sich zum Diskurs der NS-Kontinuität entwickelten.
Spätestens mit den neuen sozialen Bewegungen setzten bedeutende Demokratisierungsprozesse und Neubewertungen der noch recht jungen deutschen Geschichte ein, die unsere kritischen Einordnungen erst ermöglichten. Bis heute werden NS-Verstrickungen von Personen und Orten aus der Nachkriegszeit und darüber hinaus aufgedeckt, die prägend für die Gesellschaft in der Bonner Republik waren. Nicht zuletzt dank der digitalen Möglichkeiten, die eine neue Vernetzung von Wissen erlauben, und vor allem der zeitlichen und der damit einhergehenden persönlichen Distanz zu den Ereignissen. Mit der Entwicklung neuer Forschungsrichtungen, wie Postcolonial Studies oder Gender Studies, haben neue Perspektiven und Fragestellungen den Diskursraum betreten und halten ihn stets in Bewegung.
- Doch welche und wieviele Spuren haben die Gräuel der NS-Zeit in der Bonner Republik hinterlassen?
- Welche Schlüsse zieht die Bonner Republik aus der (ihrer?) jungen Vergangenheit?
- Wer entscheidet über Schuld und Täter*innenschaft?
- Wer hat gewonnen, wer verloren?
- Wer leistet Erinnerungsarbeit? Wer entscheidet, woran und an wen erinnert wird? Wer wird vergessen? Wer erinnert noch? Wie verändert sich Erinnerung?
- Wie wird Geschichte (re-)konstruiert?
- Ist die Vergangenheit bewältigt?
- Wie gehen wir heute mit dem Unbewältigten um? Max Czollek schlägt ein Gespräch zwischen Nachkommen von Täter*innen und von z.B. jüdischen Menschen vor.
- Welche Alternativen der Erinnerungsarbeit gibt es?
- Haben Spuren des Nationalsozialismus die Bonner Republik überdauert?
Weiterführende Literatur und Links
Fußnoten
- Wiechert, Ernst: Über Kunst und Künstler. Aus einer unausgesprochenen Rede, Hamburg 1946, S. 7-8.
- Kundrus, Birthe / Steinbacher, Sybille: Kontinuitäten und Diskontinuitäten. Der Nationalsozialismus in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus Bd. 29, Göttingen 2013.
- Hobuß, Steffi: Mythos Stunde Null, in: Fischer, Torben / Lorenz, Matthias N. (Hg.): Lexikon der »Vergangenheitsbewältigung« in Deutschland: Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945 (3., überarbeitete und erweiterte Auflage), Bielefeld 2015, S. 44-45.