Neue Soziale Bewegung
Angelika Gwóźdź, Moderne im Rheinland
Der Begriff „Neue Soziale Bewegungen“ wird erst in den 1980er Jahren geprägt. Er bezeichnet die politischen und sozialen Strömungen, die sich mit der 68er-Revolte und ihrer angestrebten Kulturrevolution herausgebildet haben.
Das Engagement der alten sozialen Bewegungen für Arbeiter*innen- und Frauenrechte wird um neue gesellschaftspolitische Themen ergänzt. Mit dem industriellen Wandel, dem Schrumpfen des primären Industriesektors und der Verlängerung der Ausbildungszeiten werden die Proteste erstmals nicht nur von Arbeitnehmer*innen getragen, sondern auch von Schüler*innen und Studierenden, die neue Protestformen entwickeln.
Ihre Positionen drücken die neuen sozialen Bewegungen durch Strategien der Selbstermächtigung aus und schaffen autonome Orte der direkten Demokratie und kollektiven Handelns. Die Devise Do-it-yourself gilt schon lange vor der Punk-Bewegung und beschränkt sich nicht nur auf Handarbeit. Es werden selbstverwaltete Projekte „von unten“ entwickelt, um Leerstellen im öffentlichen Kultur- und Bildungsbereich zu füllen und zu diskutieren.
Die Themen der Bewegungen umfassten unter anderem die kritische Aufarbeitung der noch jungen NS-Vergangenheit der Elterngeneration, das Umweltbewusstsein, das Leben marginalisierter Bevölkerungsgruppen, aber auch generationen-, herkunfts- und schichtenübergreifende politische Aufklärung. Auf der Suche nach einem besseren Leben wird das Alltägliche politisiert.
Die kollektiven Lernprozesse setzen institutionelle Prozesse in Gang. Aktuelle Forschungsfelder wie Gender Studies oder Postcolonial Studies wären ohne die Bestrebungen der 1960/70er Jahre nach Freiheit, Gerechtigkeit und Inklusion undenkbar. Der Aktivismus wird in den Wissenschaftsdiskurs getragen, um Protest und Opposition als deutsche Identität betreffende Forschungsthemen zu legitimieren und in weitere Felder der öffentlichen Wahrnehmung zu transferieren. Orte wie Geschichtswerkstätten, freie Archive und Erinnerungs- und Gedächtnisorte sind aus Eigeninitiative entstanden und kümmern sich um Wissen, Zeugnisse und Erinnerungen, denen in institutionellen Räumen kein Einlass gewährt wurde.
Wenige dieser Orte haben den Lauf der Zeit überlebt und sind heute wichtige Anlaufstellen für die geisteswissenschaftliche Forschung. Unter diesem Beitrag sollen stellvertretend Orte des kollektiven Widerstands gesammelt werden, die folgende Fragen verhandeln:
- Wo findet Protest statt? Wer protestiert? Wogegen wird protestiert?
- Welche Konsequenzen werden aus der Protestarbeit gezogen?
- Was sind die Nachteile von politischem Aktivismus? Welche Erfolge konnten die Aktivist*innen verzeichnen?
- Wie politisch ist das Private und wie privat ist das Politische?
- Wer hat Zugang zu Kultur und Bildung?
- Welche Wertschätzung erfahren alternative Angebote? Welche Hindernisse?
- Wie und vom wem wird Geschichte gemacht? Wer bestimmt den Kanon? Wer wird integriert, wer ausgeschlossen?
- Was wurde vor dem Abriss, was vor dem Vergessen bewahrt?
- Welche Ereignisse sind erst durch die Aufklärungsarbeit der Neuen Sozialen Bewegungen in den öffentlichen Fokus gerückt?
- Welche Konzepte konnten erst mit dem Ende der Bonner Republik materialisiert werden?
- Sind die Diskurse wirklich neu? Werden sie nur auf eine neue Ebene transferiert?
Weiterführende Literatur und Links
- Gertrude Cepl-Kaufmann, Jasmin Grande, Jürgen Wiener (Hg.): Die Bonner Republik.. 1960-1975 - Aufbrüche vor und nach "1968". Bielefeld 2020.
- Klaus Eder: Kulturelle Identität zwischen Tradition und Utopie: soziale Bewegungen als Ort gesellschaftlicher Lernprozesse, Europäische Bibliothek interkultureller Studien, Bd. 6, Frankfurt/Main ; New York: Campus 2000.
- Wolfgang Kraushaar: Denkmodelle der 68er. In: bpb, veröffentlicht am 09.01.2008. - Link
- Florian Maderspacher und Harald Winzen (Hg.): Gegen-Öffentlichkeit: Medienhandbuch für Bürgerinitiativen, Gruppen, Schülerzeitungen u.a., Hamburg 1978.
- Dieter Rucht: Neue Soziale Bewegungen. In: Uwe Andersen / Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden, hier S. 363 –367.