Alle Felder

Kulturelle Neuorientierung

Melanie Lange, Moderne im Rheinland

Kulturelle Neuorientierung
© David Zepter

„Der Gedanke, dass nach diesem Krieg das Leben „normal“ weitergehen oder gar die Kultur „wiederaufgebaut“ werden könnte – als wäre nicht der Wiederaufbau von Kultur allein schon deren Negation –, ist idiotisch.

Millionen Juden sind ermordet worden, und das soll ein Zwischenspiel sein und nicht die Katastrophe selbst. Worauf wartet diese Kultur eigentlich noch?“1

Diese Aussage Theodor Adornos, immerhin einer der bedeutendsten deutschsprachigen Philosophen und Sozialwissenschaftler des 20sten Jahrhunderts, vor Augen, scheint einem Leser wenig anderes übrig zu bleiben, als im Hinblick auf eine Erneuerung der Kultur im Land der von Menschenhand gefertigten Apokalypse äußerste Skepsis an den Tag zu legen. Doch zu welchem Schluss kommt ein Betrachter, der dem bezwingenden analytischen Destillat der jüngsten Zeitgeschichte das empirisch abschreitbare, aus zahllosen Etappen und Stationen sich zusammensetzende Gebilde entgegenstellt, das zur „Bonner Republik“ ein Profil beiträgt, welchem man trotz aller möglichen Vorbehalte eine prägnante Kulturprägung schwerlich verweigern kann?

Schon die vier im Folgenden beispielhaft aufgeführten Spuren zeigen, mit welch bemerkenswerter, sei es von einem schlechten Gewissen, sei es von aufatmender Erleichterung vorangetriebenen Intensität das Bestreben verfolgt wird, Wegmarken zur Hervorbringung einer Kultur, die diesen Namen verdient, zu setzen. Dass hierbei die diversen Exponenten der Kunst die Vorhut einer neu zu konstituierenden Kultur bilden, liegt in der Natur der schöpferischen Sache. In der ersten Neugründung eines Museums für zeitgenössische Kunst im Januar 1951 Museum Morsbroich, Leverkusen und dessen konzeptioneller Ausrichtung kristallisiert sich das Ineinander von der zu bewältigenden Vergangenheit und einer neu zu schaffenden Gegenwart – konkret umgesetzt in der musealen Rehabilitierung von unter dem Nazi-Regime als „entartet“ stigmatisierter Kunst sowie in der Förderung junger, provozierender Malerei, die unter dem Sammelbegriff „Informel“ dies- und jenseits des Atlantiks das Vergangene überwuchert. Bereits mit einer gravierend größeren Spannweite wartet das zu einer Veranstaltungs-‚Institution‘ werdende „Kunst- und Kulturfestival Urbs 71“ auf. Nicht nur werden der Bildenden Kunst und Literatur, der Musik und dem Straßentheater, dem politischen Kabarett und den ‚aktivierten‘ Besucher*innen in sechs Rhein-Ruhr-Städten Bühnen geboten, auch zielen die thematischen Vorgaben ausdrücklich auf eine enge Verflechtung mit gesellschaftlichen und sozialen Problemstellungen ab. Als Brennpunkt gegenseitiger Herausforderung unter freiheitlich demokratischen Vorzeichen wird Kultur zu einem prägenden Ferment eines vielschichtigen Dialogs über die Widerhaken der Realität. Diskursformate wie die in den entsprechenden Spuren skizzierten „Mittwochgespräche“ oder die „Donnerstags-Gesellschaft“ veranschaulichen auf prononcierte Weise das Bemühen, das Demokratiemodell der „Bonner Republik“ mit Leben zu erfüllen und damit zu festigen.

In sprichwörtlicher Lupenreinheit lässt sich in der Literatur das tragende Fundament einer neu sich formierenden Nachkriegskultur betrachten. Noch weit und nachhaltiger über die Aufmerksamkeit heischende literarische Plattform der „Gruppe 47“ hinaus sind es die Buchpublikationen, die diesbezüglich Bände sprechen:

  • Ob Heinrich Böll, der an seine moralisch verankerte Aufarbeitung des Weltkriegsgeschehen die kritische Niederschrift nahezu des kompletten zeitlichen Rahmens der „Bonner Republik“ anknüpft;
  • ob Günter Grass, der literarische Blechtrommler,2 der nimmermüde zu seinen Stöcken greift, um die allgemeine Erinnerungsapathie der sich ins Wirtschaftswunder hineinknienden Bürger wachzurütteln, und schneckenbescheidener Wahlkämpfer, der auch auf der Ebene profaner politischer Kärrnerarbeit seinen Beitrag dazu leisten möchte, einen Paradigmenwechsel in der Politik der „Bonner Republik“ herbeizuführen;
  • ob Siegfried Lenz, der mit seinem Roman „Deutschstunde“3 der betroffenen wie im Idealfall allen folgenden Generationen eine Lektion in deutscher Geschichte anbietet, die die Substanz in sich birgt, kommende Prüfungen zu bestehen;
  • ob Arno Schmidt, der kompromisslose „Wortschmied“, der – z. B. in seinem „Kurzroman: Die Gelehrtenrepublik“4 – nicht davon ablässt, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass sich die aufstrebende „Bonner Republik“ unter dem zeitgenössischen Damoklesschwert eines dritten Atom-Weltkrieges zuträgt;
  • oder ob Uwe Johnson, der in den vier Bänden seiner „Jahrestage“5 die Weimarer Republik, den Zweiten Weltkrieg, den ostdeutschen Wiederaufbau aus Mecklenburgischer Perspektive sowie den Vietnamkrieg im journalistischen Spiegel der New York Times zu einem Kanon aus Gestern und Heute, Lokal und Transatlantisch, fügt
    hier und an zig anderen literarischen Orten ist es eine wenig ausklammernde Besinnung auf unsere Vergangenheit, die als untrennbar zu dem Geschehen in unserer Gegenwart verstanden wird und eben diese wappnen möchte.

Welch frappantes Gewicht diesen Auslotungen von Vergangenheit und fiktiven Neuprägungen der Gegenwart zukommt, zeigt sich am deutlichsten an den konzentrischen Kreisen über die literarische Sphäre hinaus: Als im „Deutschen Herbst 1977“ die Lufthansa-Maschine Landshut entführt wird, lädt Kanzler Helmut Schmidt die Schriftsteller Heinrich Böll, Siegfried Lenz und Max Frisch (plus den Verleger Siegfried Unseld) ein, um sich mit ihnen zu beraten. Ein derartiger, ratsuchender Schulterschluss von politischer Entscheidungsbefugnis wie -pflicht und schriftstellerischer Verantwortungsbereitschaft im Augenblick einer akuten Notsituation für zahlreiche Menschen bedeutet mehr als bloß ein beredtes Zeichen für eine Neufiguration einer Leichen- und Schuttberge mit sich führenden, jedoch gleichermaßen sie zu überwinden versuchenden Kultur.

In Anbetracht solcher Entwicklungsstränge dürfen Adornos elf Jahre später veröffentlichte Worte wie ein stets sorgfältig auszutarierendes Zugeständnis begriffen werden, fokussiert auf die Kunst, gültig aber gleichermaßen für die Kultur, deren Nukleus Erstere ist:
„Den Satz, nach Auschwitz noch Lyrik zu schreiben, sei barbarisch, möchte ich nicht mildern; [...] Die Frage einer Person aus ‚Morts sans sépulture‘: ‚Hat es einen Sinn zu leben, wenn es Menschen gibt, die schlagen, bis die Knochen im Leib zerbrechen?‘ ist auch die, ob Kunst überhaupt noch sein dürfe; ob nicht geistige Regression im Begriff engagierter Literatur anbefohlen wird von der Regression der Gesellschaft selber. Aber wahr bleibt auch Enzensbergers Entgegnung, die Dichtung müsse eben diesem Verdikt standhalten, so also sein, dass sie nicht durch ihre bloße Existenz nach Auschwitz dem Zynismus sich überantworte. […] Das Übermaß an realem Leiden duldet kein Vergessen; Pascals theologisches Wort ‚On ne doit plus dormir‘ ist zu säkularisieren.“6

Weiterführende Literatur und Links

Fußnoten

  1. Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (33. Weit vom Schuss), 1951. In: Tiedemann, Rolf (Hrsg.) / Adorno, Gretel / Buck-Morss, Susan / Schultz, Klaus (Mitwirkung): Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften (Band 4), Frankfurt am Main 1980, S. 61.
  2. Grass, Günther: Die Blechtrommel, Neuwied 1959.
  3. Lenz, Siegfried: Deutschstunde, Hamburg 1968.
  4. Schmidt, Arno: Die Gelehrtenrepublik. Kurzroman aus den Rossbreiten, Karlsruhe 1957.
  5. Johnson, Uwe: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl (4 Bände), Frankfurt am Main 1970-1983.
  6. Adorno, Theodor W.: Engagement, 1962. In: Ders.: Noten zur Literatur III. In: Tiedemann, Rolf (Hrsg.) / Adorno, Gretel / Buck-Morss, Susan / Schultz, Klaus (Mitwirkung): Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften (Band 11), Frankfurt am Main 1974, S. 422/423.

Spuren in diesem Feld