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Zum deutsch-deutschen Verhältnis

Melanie Lange, Moderne im Rheinland

Zum deutsch-deutschen Verhältnis
© David Zepter

„25 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation des Hitler-Reiches bildet der Begriff der Nation das Band um das gespaltene Deutschland. Im Begriff der Nation sind geschichtliche Wirklichkeit und politischer Wille vereint. Nation umfasst und bedeutet mehr als gemeinsame Sprache und Kultur, als Staat und Gesellschaftsordnung.

Die Nation gründet sich auf das fortdauernde Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen eines Volkes.
Niemand kann leugnen, daß es in diesem Sinne eine deutsche Nation gibt und geben wird, soweit wir vorauszudenken vermögen. Im Übrigen: auch oder, wenn man so will, selbst die DDR bekennt sich in ihrer Verfassung als Teil dieser deutschen Nation."
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Das beiderseitige Verhältnis von BRD und DDR kann in der Phase des Kalten Krieges nur als äußerst heikel bezeichnet werden. Halten die deutsch-deutschen Beziehungen zunächst an der Hoffnung auf eine möglichst rasche Wiedervereinigung fest, erfährt diese Ausrichtung ab dem 13. August 1961 mit dem Mauerbau eine prekäre Zäsur. Der erste sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt trägt Anfang der 1970er Jahre der herben Manifestation der Teilung und des Auseinanderstrebens Rechnung, indem er die politisch geschaffene und gesellschaftlich sich festigende Realität akzeptiert. Die initiierte „Entspannungspolitik“ führt wie gewünscht zu einer Annäherung zwischen den beiden deutschen Staaten, die nicht auf die politische bzw. wirtschaftliche Ebene beschränkt bleibt, sondern an der auch die Bevölkerung teilhaben darf – um den Preis, dass eine Wiedervereinigung in unabsehbar weite Zukunft zu rücken scheint.

In puncto Nationalbewusstsein eines durch eine Mauer, deren ideologische Bausteine mindestens so schwierig zu überwinden sind wie die materialen, geteilten Deutschlands bringt der Politologe Gebhard Schweigler 1973 einen bezeichnenden Unterschied zur Sprache: „Während aber so manch ein Beobachter der Verhältnisse in der DDR sich darüber Sorge machte, ob die Bevölkerung der DDR ein auf die DDR bezogenes Nationalbewußtsein entwickeln könnte, das die Einheit der Nation in Frage stellen würde, brachten andere ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck, daß die Bevölkerung der Bundesrepublik selbst noch kein eindeutig bestimmtes ‚westdeutsches Bewußtsein‘ entwickelt habe. Ursprünglich stammte diese Besorgnis aus der Befürchtung, die Westdeutschen würden in ihrem Staat – und mit der Forderung nach Wiedervereinigung – in den gefährlichen Spuren der Vergangenheit fortfahren."2

Wohin die politisch konfigurierte, von den Massenmedien in griffigen Versalien gehisste Identitätssuche und -pflege führen, demonstrieren prototypisch die Jahrzehnte währenden, spiegelbildlichen Propagandagefechte, die auf den Bildschirmen der west- und ostdeutschen Flimmerkisten ausgetragen werden: Auf Seiten der DDR hält der linientreue Ideologe Karl-Eduard von Schnitzler in der Sendung „Der schwarze Kanal“ seine Scherbengerichte über den Kapitalismus ab (1960 bis 1989) – auf Seiten der BRD prangert der Chefaugur Gerhard Löwenthal im „ZDF-Magazin“ jeden Daseinspartikel des Sozialismus kommunistischer Prägung an (1969 bis 1988).

Bewegen wir uns auf dem Gebiet der Kultur – ob in der Literatur, der Bildenden Kunst, Musik oder in den Medien, so generieren holpriger Transfer in Gestalt von sei es geheim lancierten, sei es heimlich gelesenen Kassiber-Publikationen und massive Blockaden in Form von Einreiseverweigerungen und Ausbürgerungen, beiderseitig frontale Attacken und latente Infiltrierung eine spannungsgeladene Dialektik rivalisierender Koexistenz. Wer, wenn nicht Robert M. Schernikau – ein westdeutscher Kommunist, der seinem Denkbesteck in Ostdeutschland den Feinschliff verleiht, und, zurück im Westen, Ost und West filigran viviseziert; der das Gleichheitscredo bis zur einheitlichen Kleinschreibung vorantreibt; der in Sachen Verständigung seine konsequenten Zweifel mit Ausrufezeichen bestückt – ist prädestiniert, der zweistaatlichen Gemengelage basisnahen Wohnzimmerausdruck zu verleihen, dabei überraschenderweise eine gesamtdeutsche Einigkeit ins Licht setzend: „meine zweihundert jahre alte nachbarin in leipzig klingelt, ich soll ihren fernseher neu einstellen, sie hat alle knöpfe verdreht, und in einer viertelstunde fängt doch die schwarzwaldklinik an. ich hocke mich vor den apparat, ich drehe, es erscheinen die westnachrichten. politiker sprechen, bilder erscheinen von unvorstellbaren katastrophen, grundsatzurteile über den stillstand, wieder sprechen politiker. meine zweihundert jahre alte nachbarin legt ihre hand auf meinen arm und flüstert: alles verrückte.“3

Folgender Fragenkatalog zu dem Komplex BRD/DDR ließe sich stellvertretend durchblättern:

  • Bestehen bemerkenswerte systemspezifische Unterschiede in der politischen/kulturellen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit zwischen der „Bonner Republik“ – mit dem Schwerpunkt auf der Kernregion NRW – und der DDR? Falls ja, wohin haben sie geführt?
  • Welches Gewicht kommt der im Jahr 1956 vollzogenen konzertierten Wiederbewaffnung der BRD und DDR im Auseinanderdriften der beiden Deutschlandteile zu?
  • Welchen Anteil hat die Politik der „Bonner Republik“ als Blaupause des alliierten Richtlinienkanons an der Errichtung der Mauer?
  • Sind Auswirkungen auf die Binnenwahrnehmung der „Bonner Republik“ auszumachen, die von der medial befeuerten Außenansicht der DDR auf den Westen ausgelöst werden?
  • Ist Willy Brandts ‚Mehr Brüderlichkeit wagen‘ im Hinblick auf die bis dahin eiserne Ostpolitik, der ersten allgemeinen Einschätzung zum Trotz, doch eine Art Denkmodell für Perestroika und Glasnost, in deren Sog zunächst die Mauer, dann die DDR zerfällt?
  • Wie passt es zusammen, dass nach der Wiedervereinigung Deutschlands die „Berliner Republik“ das forcierte Ende der „Bonner Republik“ einläutet, zugleich aber sowohl die Mehrzahl der Bürger*innen in Westdeutschland keine Veränderung in der gesamtdeutschen Bundesrepublik wahrnimmt als auch in den Köpfen der Menschen ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer zwischen West und Ost, Ost und West immer noch ein emotiver Identitätsgraben das tatsächliche Wieder-Zusammenwachsen hemmt?
Weiterführende Literatur und Links

Fußnoten

  1. Willy Brandt: „Bericht zur Lage der Nation“, Bundestagsrede vom 14.01.1970.
  2. Schweigler, Gebhard: Nationalbewußtsein in der BRD und der DDR (Studien zur Sozialwissenschaft, Bd. 8), Düsseldorf 1973, S. 11.
  3. Schernikau, Ronald M.: Die Tage in L. darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur, Hamburg 1989, S. 54.

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